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StZ: Aufs Triumphieren kann Trittin verzichten



Stuttgarter Zeitung, 28.11.02

> Aufs Triumphieren kann Trittin verzichten
> Vor dem Atomausschuss des Landtags setzt der Bundesumweltminister auf 
die Macht der Fakten
 
Wochenlang ist um seinen Auftritt gerungen worden, gestern war er nun 
endlich da. Viel Neues zur Atomaffäre konnte Jürgen Trittin freilich 
nicht beitragen.

Von Andreas Müller

Die entscheidende Frage wurde Jürgen Trittin erst draußen vor der Tür 
gestellt. Ob er glaube, dass sein Auftritt vor dem Untersuchungsausschuss 
in Stuttgart das Ergebnis der Bundestagswahl beeinflusst hätte? Das 
spiele ja nun keine Rolle mehr, wiegelte der Umweltminister ab: Er sei 
mit dem Abschneiden seiner Grünen auch so "hoch zufrieden".

Heute ist es tatsächlich müßig, über den Effekt der Vernehmung Trittins 
zu spekulieren. Doch die Vertreter von Regierung und Opposition im 
Atomausschuss des Landtags hatten sich wochenlang gezankt, wann der 
prominenteste Zeuge zu den Pannen im Kernkraftwerk Philippsburg 
erscheinen sollte. SPD und Grüne wollten ihn unbedingt vor dem 22. 
September hören, CDU und FDP dagegen erst nach dem Wahlsonntag; sie 
setzten sich mit ihrer Mehrheit durch. Vergeblich wandten sich die 
Genossen an das Verfassungsgericht des Landes, nun ist der Streit beim 
Verwaltungsgericht anhängig.

Und wofür die Aufregung? Als Trittin gestern, gut zwei Monate nach der 
Bundestagswahl, endlich nach Stuttgart kam, war der Medienrummel zwar 
groß: Mehrere Fernsehteams, ein halbes Dutzend Fotografen und eine Traube 
von Reportern umlagerten den Umweltminister gleich zu Beginn. Doch nach 
eindreiviertel Stunden Vernehmung waren Regierung und Opposition 
gleichermaßen ernüchtert. Lässig und leidenschaftslos hatte der Berliner 
Politprofi seinen Auftritt auf der schwäbischen Provinzbühne absolviert. 
Weder tat er seinen Parteifreunden den Gefallen, verbal über seinen 
Stuttgarter Kontrahenten Ulrich Müller (CDU) herzufallen, noch ließ er 
sich von den Regierungsvertretern aufs Glatteis führen.

Trittin setzte ganz auf die Macht der Fakten, und die sind seit langem 
bekannt. Alle hatten die schweren Sicherheitsverstöße im Kernkraftwerk 
Philippsburg zunächst als zu harmlos eingeschätzt: die Energie Baden-
Württemberg (EnBW) als Betreiber, der Tüv als Gutachter und die 
Atomaufsicht in Müllers Ministerium. Erst die Berliner Oberaufseher 
öffneten ihnen die Augen. In das entscheidende Gespräch ging Müller noch 
mit der Meinung, Philippsburg müsse wegen der Pannen nicht abgeschaltet 
werden. Am Ende war er sich mit Trittin einig, dass die vorübergehende 
Stilllegung dringend geboten sei. Schließlich habe die EnBW den Reaktor 
"im Blindflug" betrieben.

Wie dieser Sinneswandel zu Stande kam, das versuchten die Abgeordneten 
gestern zu erkunden. Sei es nun ein Machtwort gewesen oder nicht? Darauf 
bekam die FDP-Vertreterin Heiderose Berroth nur eine diplomatische 
Antwort: Die Rechtsposition, dass an der Abschaltung nichts vorbeiführe, 
sei "absolut belastbar" gewesen. Und das habe man Müller von Anfang an 
deutlich gemacht. Ein Machtwort also? "Das ist eine Frage, die Sie zu 
interpretieren haben", wurde Berroth belehrt. Auch ihr SPD-Kollege Walter 
Caroli hatte nicht mehr Glück. Zu gerne hätte er von Trittin gehört, dass 
der Stuttgarter Minister "zum Jagen getragen" werden musste. Der Grüne 
bestätigte es nur in wohlgesetzten Worten: "Einem verständigen Menschen" 
sei völlig klar gewesen, das er letztlich klein beigeben müsste.

Etwas weiter kam dagegen Carolis Parteifreund Thomas Knapp. Ob Trittin 
schon einmal einen ähnlich sturen Landeskollegen wie Müller erlebt habe? 
Zumindest in den letzten Jahren, entgegnete der, habe es keinen Fall 
gegeben, in dem die Differenzen erst auf Ministerebene geklärt werden 
konnten. "Ob Sie das verbohrt nennen, ist Ihre Sache." So leicht lässt 
sich ein ausgebuffter Bundespolitiker eben nicht aus der Reserve locken.

Nur dem jungen CDU-Abgeordneten Volker Schebesta gelang es, Trittin ein 
wenig aus der Ruhe zu bringen. Mehrfach hakte er nach, ob in Philippsburg 
überhaupt eine objektive Gefahr bestanden habe - abgesehen vom Verstoß 
gegen die Sicherheitsvorschriften. Just jener sei bereits die objektive 
Gefahr, konterte der Grüne und drehte den Spieß um. Schebesta offenbare 
die gleiche Denkweise, für die "andere Leute entlassen worden sind". 
Gemeint waren die beiden gefeuerten EnBW-Vorstände.

Nein, zum Triumphieren war Trittin nicht nach Stuttgart gereist. Für 
seine Parteifreunde aus dem Landtag aber war sein Auftritt zumindest ein 
stiller Triumph: Vor drei Monaten hatten sie schließlich noch gebangt, ob 
"der Jürgen" als Minister kommen würde - oder als Minister a. D.