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StN: Bundesumweltminister kritisiert Umgang des Landes mit den Atompannen



Stuttgarter Nachrichten, 28.11.02

> Zeuge Trittin als leiser Ankläger
> Bundesumweltminister kritisiert Umgang des Landes mit den Atompannen
 
Stuttgart - 10.17 Uhr. Es tritt auf: der Bundesumweltminister. Wochenlang 
hat sich der Atom-Untersuchungsausschuss des Landtags um eine Vernehmung 
von Jürgen Trittin bemüht. Nun also hat"s am Mittwoch geklappt. Ein 
Auftritt mit Seltenheitswert.

VON FRANK KRAUSE

Nicht nur, weil erstmals in der Geschichte des Landtags ein 
Bundesminister als Zeuge verhört wird, sondern weil die Rollenverteilung 
schnell klar ist: Die Abgeordneten befragen den Gast aus Berlin zwar 
minutiös zur Pannenserie im Atomkraftwerk Philippsburg vom Sommer 2001. 
Aber sosehr sie sich auch bemühen, der Minister hat eigentlich nichts 
Neues zu berichten. Er tut erstmal das, was er immer tut: Wenn er befragt 
wird, neigt er den Kopf zur Schulter, legt sein typisches Schmunzeln auf, 
wippt mit dem rechten Fuß, schließt die Augen und lauscht, um sogleich 
mit ruhigem Ton zu antworten: "Wenn ein Betreiber eines Kernkraftwerks 
gegen die Vorschriften verstößt, kann dies nicht akzeptiert werden."

Genau dies habe im Fall der Energie Baden-Württemberg (EnBW) und 
Philippsburg vorgelegen. Die EnBW hatte 17 Jahre das Notkühlsystem des 
Reaktors nicht korrekt befüllt. Als dies im August 2001 bekannt wurde, 
habe man Landesumweltminister Ulrich Müller (CDU) als zuständigen 
Atomaufseher gedrängt, den Block II in Philippsburg erst mal vom Netz zu 
nehmen. Denn, so Trittin: "Die Zuverlässigkeit des Betreibers war nicht 
mehr gewährleistet. Es bestand Gefahr für die Sicherheit."

Mehr gibt"s an diesem Tag eigentlich nicht zu sagen. Da es in dem Streit 
aber längst nicht mehr nur um die Frage der mangelhaften Sicherheit in 
dem Pannenreaktor geht, sondern die Aufklärung auch ein Politikum 
geworden ist, versuchen hernach die Abgeordneten von CDU, FDP, SPD und 
Grünen, Trittin eine Aussage zu entlocken. Frei nach dem Motto: Hat der 
grüne Bundesumweltminister als oberste Atomaufsicht den schwarzen 
Landesumweltminister in die Schranken weisen müssen, oder ist Stuttgart 
ein Bauernopfer der vermeintlich atomfeindlichen Bundesregierung?

75 Minuten dauert das Schauspiel, und es hat groteske Züge. Abgeordnete 
wie Peter Hauk (CDU) versuchen sich in Co-Referaten, zitieren aus 
Aktenvermerken, um Trittin dann mit vermeintlich heiklen Gesprächsnotizen 
zu konfrontieren. Und der Bundesminister? Entweder belehrt er die 
Fragesteller, oder er wird zum leisen Ankläger. Baden-Württemberg habe 
die Pannenserie "tagelang" falsch bewertet. Es habe einen 
"Auffassungsunterschied" zwischen Land und Bund gegeben. Während 
Stuttgart die Probleme im Kühlsystem "bei laufendem Betrieb" beseitigen 
wollte, habe Berlin auf "vorübergehende Stilllegung" gedrängt. Deshalb 
habe man Müller am 6. Oktober 2001 "formal nach Berlin geladen".

Die Tatsache, dass Trittins Leute zu jenem Treffen bereits eine Anordnung 
für das vorübergehende Abschalten in Philippsburg in der Aktentasche 
hatten, mag Müller und Co. "nach einer kurzen Auszeit" (Trittin) zum 
Einlenken bewogen haben. So oder so: Der Bundesminister sieht im 
damaligen Zögern der EnBW, der Landesatomaufsicht und der zuständigen Tüv-
Kontrolleure noch heute einen atompolitischen Blindflug: "Hier ging"s 
nicht um Technik, sondern um den Umgang mit Technik. Das ist so, als ob 
ein Flugzeug bei dichtem Nebel ohne Instrumentenlandesystem runterkommt 
und danach jeder weiß, dass man gegen die Vorschriften verstoßen hat."

Kein Zweifel: Trittin hat in jenen Tagen seinem Kollegen Müller den Weg 
gewiesen. Und er hat dies am Mittwoch vor dem Untersuchungsausschuss 
nochmals in diplomatischem Ton wiederholt. Sein Staatssekretär Rainer 
Baake, als Zeuge jener Tage ebenfalls vorgeladen, ist da am Mittwoch viel 
deutlicher geworden: "Verstöße gegen die Sicherheitskultur in 
Philippsburg wurden vom Betreiber geleugnet, von der Landesatomaufsicht 
nicht gesehen und vom Tüv beschönigt." Zumindest die EnBW gelobt nun 
Besserung. Wie sagte doch Kraftwerke-Vorstand Otto Hasenkopf im 
Zeugenstand: "Es gibt Regeln, und sie sind einzuhalten."
 
Aktualisiert: 28.11.2002, 06:06 Uhr