SZ: Kernkraftwerke können gerade dann zur Gefahr werden, wenn sie abgeschaltet sind
Süddeutsche Zeitung, 12.11.02
> Trügerische Ruhe
> Kernkraftwerke können gerade dann zur Gefahr werden, wenn sie
abgeschaltet sind
Von Christopher Schrader
Wäre das Ganze auf einem Segelschiff passiert, hätte man die Hundewache
verantwortlich gemacht, die graue Zeit zwischen Mitternacht und
Morgendämmerung. Doch die Beinah- Katastrophe ereignete sich nicht auf
einem hölzernen Dreimaster, sondern in einer Anlage aus Stahl, Beton und
Uran: dem französischen Kernkraftwerk Dampierre4. Und die Anlage pflügte
– um beim Bild des Segelschiffs zu bleiben – auch nicht unter vollen
Segeln durch die Nacht, sondern lag gut vertäut im Hafen.
In den Morgenstunden des 1. April 2001 waren Techniker damit beschäftigt,
den seit Februar abgeschalteten Reaktor mit Brennelementen zu befüllen.
Durch eine Reihe von Unachtsamkeiten – ein voreilig unterschriebener
Laufzettel, eine ungenehmigte Pause, mangelnde Absprachen – vergaßen die
Arbeiter den 25. Brennstab im Lager. Stattdessen setzten sie den 26. Stab
auf die 25. Position, den 27. auf die 26. und so weiter. Erst beim
139.Element bemerkte jemand den Fehler: Die Symmetrie war gestört.
Das war kein ästhetisches Problem, sagt Valerie Laurioux vom
französischen Institut für Nuklearsicherheit IRSN: „Unter weniger
günstigen Bedingungen hätte der Reaktor schon beim 121. Element kritisch
werden können.“ Die Kettenreaktion wäre angesprungen, die Strahlung im
offenen Reaktor gewaltig angestiegen. Schließlich hatten die Arbeiter 21
der aktivsten Brennstäbe auf einer Fläche konzentriert, wo nur 10von
ihnen stehen sollten.
Dieser Beinahe-Unfall, von dem die französische Atomexpertin vergangene
Woche auf der Nuklearkonferenz „Eurosafe“ in Berlin berichtete, zeigt,
dass Kernkraftwerke keinesfalls harmlos sind, wenn sie abgeschaltet
werden. Im Gegenteil: Die wenigen Wochen, in denen ein Reaktor zu
Wartungsarbeiten stillliegt, sind bezogen auf die Zeit sogar gefährlicher
als der Betrieb; sie erhöhen das jährliche Risiko einer Kernschmelze um
ein Drittel, manchmal sogar um die Hälfte, haben internationale Studien
ergeben. „Risiken können sich auch in anderen Situationen kurzfristig
signifikant erhöhen“, sagt Dieter Müller- Ecker von der Gesellschaft für
Reaktorsicherheit (GRS), dem deutschen Pendant der französischen IRSN,
„zum Beispiel beim Überholen auf der Landstraße.“ GRS und IRSN haben dem
Thema darum vor kurzem eine komplette Ausgabe ihrer Zeitschrift Eurosafe
Tribune gewidmet.
Ein Grundproblem können die Betreiber prinzipiell nicht umgehen, sagt der Atomexperte Helmut Hirsch aus Hannover: „Man kann beim Reaktor zwar die Kettenreaktion abschalten, aber nicht die Radioaktivität. Die Brennelemente
produzieren weiterhin Wärme und müssen ständig gekühlt werden.“ In den
Wochen der Revision aber würden auch die Kühlsysteme gewartet. „Wenn dann
etwas schief geht, muss das Bedienungspersonal unter Umständen
improvisieren.“ Schon einen Überblick über die Lage zu bekommen ist dann
problematisch, sagt Eberhard Grauf vom Kernkraftwerk Neckarwestheim II:
„Die Signale im Kontrollraum sind viel schwieriger zu interpretieren.“(1)
Doch obwohl dieses Problem international seit Anfang der 90er-Jahre
diskutiert wird, besteht in Deutschland noch keine Pflicht, die so
genannten Shutdown- Phasen für jede Anlage mit Methoden der
Wahrscheinlichkeitsrechnung gezielt zu untersuchen. „Eine
probabilistische Sicherheitsüberprüfung dieser Zustände ist in den
Leitlinien noch nicht vorgeschrieben“, sagt Müller-Ecker. Das bestätigt
Manfred Albrecht vom Bundesumweltministerium: „Die Vorgaben werden
erarbeitet, aber die Betreiber haben das Problem bereits erkannt.“
Generell gebe es zu wenige Fachleute für die aufwändigen Studien. Die GRS
habe das Problem beim Block Neckarwestheim II untersucht, einem der
modernsten Atommeiler Deutschlands. Aber erst 2004 liege das Ergebnis
vor, ob sich die Studie auf andere Reaktoren übertragen lässt.
Die größte Gefahr gibt es offenbar bei den so genannten
Druckwasserreaktoren. Hier steht das Wasser beim Betrieb unter einem
Druck von etwa 150 bar, es muss zur Wartung zum Teil abgepumpt werden,
bevor Techniker den Druckbehälter öffnen können. Dann aber steht weniger
Kühlmittel zur Verfügung als im Normalbetrieb. In französischen
Kraftwerken hatten dabei die Pumpen versagt, die das Wasser aus dem
Reaktorkern befördern. Damit ließ sich auch die Wärme der Brennelemente
nicht mehr abführen, das Personal musste mit anderen Systemen Wasser
nachfüllen. Hier wie dort muss daher heute ein Dampferzeuger aktiv
bleiben, der die Wärme im Notfall aufnimmt.
Eine weitere Gefahr haben die Experten noch nicht in ihren Prüfkatalog
aufgenommen: Knallgas-Explosionen. Eine solche Verpuffung hat im Dezember
2001 im Kernkraftwerk Brunsbüttel ein Rohr am Reaktor zerfetzt. Schon bei
kleinen Temperaturschwankungen, sagt Helmut Hirsch, kondensiert in
manchen Reaktoren der Dampf und gibt das mit ihm vermischte
Wasserstoffgas frei, das sich dann irgendwo ansammelt.
Besonders stark verändert sich die Temperatur, wenn der Atommeiler
heruntergefahren wird. Darum ist es wenig verwunderlich, dass
internationalen Erfahrungen zufolge Knallgas-Explosionen eher passieren,
sobald der Reaktor stillliegt. „Wenn Rohre oder Behälter nicht richtig
gespült werden, kann sich der Wasserstoff beim Öffnen der Luken
entzünden“, sagt Helmut Schulz von der GRS. Vergleichsweise glimpflich
kam dabei im August 1995 ein Schweizer Reaktor davon: Dort explodierte
das Gas in einem Hilfsgenerator und verletzte zwei Arbeiter.
(1) Eurosafe Tribune, Nr.2, S.20, 2002