TAZ: An der deutsch-französischen Grenze sorgte die Bewegung kaum für Bewegung
TAZ, 14.11.02
> Freie Fahrt für den Atomzug
> An der deutsch-französischen Grenze sorgte die Bewegung kaum für
Bewegung
WÖRTH taz Wenige Castoren, viele Demonstranten - das ist die
Vergangenheit. Viele Castoren, wenige Demonstranten - das ist die
Gegenwart. Wenigstens im Südwesten. Am Bahnhof von Wörth jedenfalls
wartete am Dienstagabend nur Gerd aus Karlsruhe auf den 650 Meter langen
Zug mit den zwölf Castoren. Der 33-Jährige wollte eigentlich zu einer der
beiden Mahnwachen an der Strecke direkt hinter der französischen Grenze.
Doch seine Suche nach den rund dreißig Demonstranten, die sich zwischen
Lauterburg in Frankreich und Maximiliansau zum friedlichen Protest
eingefunden hatten, blieb erfolglos. An der Grenze waren sie nicht zu
finden, in Hagenbach schon wieder weg. Und zu dem von Polizei und
Bundesgrenzschutz (BGS) zur Festung ausgebauten Bahnhof von Wörth, wo die
Lokomotiven ausgetauscht wurden, zog es die Aktivisten der Anti-Atom-
Initiativen erst gar nicht hin. "Da ist doch ohnehin nichts zu machen",
konstatierte Heidi Lindstedt, Koordinatorin der Initiativen.
BGS-Sprecher Markus Bruhn saß daher ganz entspannt in seinem Wohnmobil
vor dem Bahnhof und lud sich wieder einmal die Homepage der
Atomkraftgegner auf den Schirm seines Laptop. "Klasse Arbeit", lobte er.
Die ständige Aktualisierung der Site würde auch ihm die Arbeit
erleichtern. Denn was die aktuelle Termin- und Einsatzplanung anginge,
könnte man sich "voll auf die Bewegung verlassen", sagte Bruhn. Kollegin
Buchholz von der Pressestelle der Polizei kutschierte derweil
Fernsehleute durch die Landschaft: zum "Protestlerfilmen" (Bruhn).
Überhaupt keine Probleme mit dem Atomprotest hatte auch die französische
Polizei. Ganze zwei Gendarmen schoben gelangweilt Wache an der Grenze bei
Lauterburg. Weil überhaupt kein Demonstrant kam und der Atomzug gegen 16
Uhr rasch die Grenze überquerte, konnten sie bald wieder über den nahe
gelegenen pfälzisch-elsässischen Grenzmarkt bummeln. Auch in Hessen hieß
es dann: "Freie Fahrt!" für den Castorzug. Lediglich in Dieburg hatten
sich am späten Abend rund 50 Demonstranten zum friedlichen Protest
versammelt. Nur während der kurzen Durchfahrt durch den baden-
württembergischen Zipfel am Rhein musste der Castorzug zuvor anhalten.
Zwei Atomkraftgegner hatten sich in Mannheim unter einer Schiene
zusammengekettet. Sie wurden losgeschweißt und - vorübergehend -
festgenommen.
KLAUS-PETER KLINGELSCHMITT
taz Nr. 6904 vom 14.11.2002, Seite 4, 80 Zeilen (TAZ-Bericht), KLAUS-
PETER KLINGELSCHMITT