NbZ: „Schweißerarbeiten“ in Gorleben
Nürnberger Zeitung, 16.11.02
> 650 Polizeibeamte aus Nürnberg waren eine Woche im Spezialeinsatz
> „Schweißerarbeiten“ in Gorleben
Die zwei Castortransport-Gegner hatten ihre Arme in den Schotter am
Bahndamm vergraben, darunter steckten sie bis über die Ellenbogen in
einem Eisenrohr. Losgeschweißt wurden diese Demonstranten von Polizisten
aus Nürnberg. Von ihrem Gorleben-Spezialeinsatz kamen die letzten Beamten
erst gestern Abend zurück.
„Wenn die Demonstranten noch eine Stunde länger in der Kälte gelegen
hätten, hätte es bei denen zu Erfrierungen kommen können“, erzählt
Polizeihauptkommissar Hans Scheuba. Der Hundertschaftsleiter der
Nürnberger Bereitschaftspolizei war mit insgesamt 650 Polizisten eine
Woche in Niedersachsen, um den dortigen Beamten zu helfen. Sie sollten
die „Gefangenentransporte“ durchführen, an Brennpunkten Sondereinsätze
schieben und für die Logistik sorgen, sprich: für die Beamten auch
kochen.
Die Nürnberger wohnten in einer Containerstadt in Neutramm, zu acht
schliefen sie in einem Zimmer. Für alle war nur ein Duschraum mit 15
Duschköpfen da – die Männer durften sich während der ungeraden Stunden
waschen, die Frauen während der geraden.
Außer vereinzelten Protesten war an der Strecke zunächst nicht viel los,
Lagerkoller drohte. Die Anspannung wuchs.
Um ihre Nerven zu beruhigen, joggten die Beamten auf dem Areal der
Containerstadt herum. Spaziergänge in das nahe Dorf Tramm waren
unbeliebt. Denn die Menschen, die im Bereich der Castor-Transporte leben,
seien Polizisten gegenüber aggressiv gewesen, erzählt Scheuba. Einmal
warf einer sogar ein rohes Ei auf einen Einsatzwagen.
„Früher waren es mehr Demonstranten, dafür waren die friedlicher“,
erinnert sich Gerhard Danzl, Chef der Nürnberger Bereitschaftspolizei, an
den Gorleben-Einsatz im letzten Jahr. Diesmal waren weniger
Atomkraftgegner an der Zugstrecke. Die aber demonstrierten nicht nur,
sondern warfen auch Mist und Stroh auf die Beamten — „das hat’s früher
nicht gegeben“, sagt Danzl nachdenklich. Die Polizei habe Verständnis für
Protest. Für Gewalt nicht.
Diesmal sollten die annähernd 2000 Castor-Gegner durch schiere Übermacht
entmutigt werden. Die Polizisten stellten sich an die Schienen und
drängten die Demonstranten über die Böschung ab, weg von den Schienen.
Trotzdem gelang es zwei 30-Jährigen an der Bahn-Haltestelle Leitstade im
Kreis Lüchow-Dannenberg, sich an die Gleise zu ketten. Spezialisten aus
Nürnberg trennten die Schienen, gruben ihre Arme aus dem Schotter aus und
trugen sie davon – um sie von dem Eisenrohr zu befreien. Denn „alleine
hätten sie das nie geschafft“, erzählt Scheuba, „die erwarten von der
Polizei, dass die ihnen hilft.“
Der nächste Spezialeinsatz ist am 30. November in München zur
Wehrmachtsausstellung. Und dann? „Christkindlesmarkt, Taschendiebe
jagen“, sagt Danzl. Ngoc Nguyen