NbZ: Protest am Gleis: Hände mit der Flex gerettet
Nürnberger Zeitung, 16.11.02
> Mehr als 600 Angehörige der Nürnberger Bereitschaftspolizei waren über
eine Woche lang bei Gorleben eingesetzt
> Protest am Gleis: Hände mit der Flex gerettet
30-Jähriger hatte sich mit komplizierter Apparatur festgekettet —
Notärzte bereit — Einsatz am Christkindlesmarkt
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Über eine Woche lang haben mehr als 600 Angehörige der Nürnberger
Bereitschaftspolizei den Castor-Transport nach Gorleben gesichert. Die
Frauen und Männer unter der Führung von Polizeidirektor Gerhard Danzl
waren wieder mit etlichen Spezialaufgaben betraut. Erst gestern Abend
kamen die letzten Einsatzkräfte aus Niedersachsen in die Unterkunft an
der Kornburger Straße zurück.
Wie bei früheren Einsätzen waren die Nürnberger Polizistinnen und
Polizisten wieder an den wohl spannendsten Einsätzen an der Bahnstrecke
und den wenigen Kilometern Straße zum Endlager beteiligt. Die jahrelange
Erfahrung zahlt sich aus — etwa am Mittwochmittag, als die Nürnberger
zwischen Lüneburg und Dannenberg einen 30-Jährigen aus seinen Ketten
befreiten.
Der Mann, so berichtet Hundertschaftsleiter Hans Scheuba, hatte sich mit
einer komplizierten Vorrichtung ans Gleis gefesselt: Durch den Schotter
unter dem Gleis hatte er ein Eisenrohr verlegt. Er legte sich aufs Gleis
und band in einem zweiten Rohr seine beiden Arme zusammen. Dazu nutzte er
ein Bügelschloss, das einschnappte. Sein Ziel war, den Zug mit dem
atomaren Material möglichst lange aufzuhalten.
Das Ziel der Polizei war dagegen, für freie Fahrt zu sorgen. Doch
zunächst mussten sich die Beamten um den Mann kümmern. Wegen der Kälte
und durch Riemen und Ketten in dem engen Rohr bestand akute Gefahr, dass
beide Arme und Hände absterben. Ähnliche Aktionen kannten die Polizisten
von früheren Castor-Einsätzen. Doch diesmal musste der technische Trupp
ganze Arbeit leisten. Spezialisten flexten die Schiene auf, um den 30-
Jährigen samt Manschette bergen zu können. „Ganz vorsichtig“ und mit viel
Kühlwasser setzten sie die Flexscheibe an, um das Rohr zu durchtrennen.
Notärzte standen bereit.
Doch der Mann kannte sich aus. Zwischen den Rohren hatte er Teer-haltige
Dachpappe gelegt, die jeden Trennschleifer verschmieren lässt und somit
unbrauchbar macht.
Aber die Nürnberger hatten in der Unterkunft an der Kornburger Straße
solche Situationen geübt und konnten die bereits gefühllosen Arme und
Hände des Mannes mit „chirurgisch präzisen Schnitten“ befreien. Einen
zweiten, ähnlichen Fall mussten die Polizisten noch lösen; diesmal hatte
sich ein Mann mit einem Karabiner in Eisenrohren unterm Gleis
festgeschnallt.
Die Nürnberger Polizisten waren überdies für den Gefangenentransport und
das Lager der 250 vorübergehend in Gewahrsam genommenen (Vorjahr: 800)
zuständig. Dazu sorgten sie in dem eigens aufgestellten Containerdorf für
die Verpflegung.
Bundesweit gefragt
Für Spezialeinsätze war auch das bundesweit gefragte
Unterstützungskommando unter der Leitung des Wackersdorf-erfahrenen
Polizeioberrats Heinz Kiefer angereist. Das Kommando wird eingesetzt,
wenn gewaltbereite Demonstranten aufmarschieren. Der Chef der Nürnberger
Bereitschaftspolizei, Gerhard Danzl, ist aber froh, „dass das
Gewaltpotenzial an der Strecke nicht allzu groß war“. Aggressionen gab es
allenfalls gegen einzeln auftretende Ordnungshüter.
Die nächsten Einsätze warten schon: Zu den Protesten gegen die
Wehrmachtsausstellung in München müssen die Nürnberger anreisen. Danach
helfen sie bei der Jagd auf Taschendiebe am Christkindlesmarkt und in den
Kaufhäusern.
LORENZ BOMHARD