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jW: Was tun Frankreichs Eisenbahner gegen Atomtransporte?



Junge Welt, 18.11.02

Interview: Bernard Galichon

> Was tun Frankreichs Eisenbahner gegen Atomtransporte?
> jW sprach mit Dominique Malvaud, Vorstandsmitglied von SUD Rail, der 
linksalternativen Basisgewerkschaft der Eisenbahner in Frankreich


* Die Gewerkschaft SUD Rail ist Mitunterzeichnerin eines Aufrufs des 
Réseau Sortir du Nucléaire (Netzwerk Ausstieg aus der Atomenergie) gegen 
die Castor-Transporte und die drittstärkste Gewerkschaft bei der 
Bahngesellschaft SNCF 

F: Vergangene Woche rollte einmal mehr ein Transport mit Castor-
Atommüllbehältern von der französischen Wiederaufbereitungsanlage (WAA) 
La Hague ins niedersächsische Gorleben. Erneut fand auf der deutschen 
Seite eine Reihe von Protestaktionen statt. Welche Bedeutung hatte dieser 
Transport in Frankreich? 

Es handelte sich um einen der größten Atommülltransporte, weil zwei 
Transportzüge zusammengelegt worden waren. Eine deutsch-französische 
Vereinbarung zwischen den damaligen Regierungschefs Lionel Jospin und 
Gerhard Schröder von vor zwei Jahren sieht alle sechs Monate den 
Rücktransport von aus deutschen Atomkraftwerken stammendem Atommüll in 
die Bundesrepublik vor. Im Gegenzug sollten auch die Transporte deutschen 
Atommülls in Richtung La Hague wiederaufgenommen werden. Aber im Juni 
diesen Jahres war der Transport für das erste Halbjahr 2002 in Richtung 
Gorleben abgesagt worden. 

Der Grund dafür waren nicht nur technische Probleme, sondern auch die 
damals stattfindenden Parlamentswahlen. Im Dezember diesen Jahres läuft 
die Betriebsgenehmigung mehrerer französischer Atomkraftwerke aus, die 
dann ihre Altersgrenze erreichen. Dann wird die Entscheidung getroffen 
werden müssen, ob man – als Ersatz für die auszumusternden Anlagen – neue 
AKW errichten wird oder nicht. Auch in der französischen Öffentlichkeit 
wird ein Beschluß zum Neubau von Atomkraftwerken heute auf wenig 
Gegenliebe stoßen. Daher sollte um jeden Preis vermieden werden, dieses 
Thema zum Gegenstand politischen Streits vor den Wahlen zu machen. 

F: Wie bilanzieren Sie den jüngsten Transport? 

Nach wie vor werden die Hauptbetroffenen nicht über mögliche Gefahren 
informiert. Das betrifft die Mitarbeiter der Eisenbahn. Ich bin Mitglied 
im Ausschuß für Hygiene und Arbeitssicherheit der Bahngesellschaft SNCF. 
Dieses Gremium wurde erst eine Stunde vor Abfahrt offiziell per Fax 
informiert. 1998 hatte ein Bericht der Tageszeitung Libération über die 
Verseuchung von Atommüllbehältern, die in der WAA La Hague eintrafen, zu 
einem vorübergehenden Stopp aller Atommüllzüge in Frankreich geführt. 
Damals wurde die sogenannte Doppelkontrolle eingeführt – nicht nur beim 
Eingang in La Hague, sondern auch beim Verlassen der AKW. Die äußere 
Verseuchung der Waggons und Behälter ging damals von 35 Prozent der 
Transporte auf ein Prozent zurück. Aber nachdem die Aufregung sich gelegt 
hatte, wurde die doppelte Kontrolle 1999 wieder abgeschafft. 

Auch die Bevölkerung, die an der Transitstrecke wohnt, ist nicht 
hinreichend informiert. Ferner erinnere ich daran, daß die Polizeibeamten 
in Deutschland angehalten sind, mindestens sieben Meter Distanz zu den 
Waggons mit Atommüll zu halten. Sie sind entlang der Strecke postiert. In 
Frankreich dagegen fahren die Polizisten auf dem Zug mit, und befinden 
sich damit zum Teil in größerer Nähe zu den Strahlungsquellen. 

F: Welche Positionen bezieht Ihre Gewerkschaft zu den 
Atommülltransporten? 

Unser Ausgangspunkt war, zur Gefährdung der Eisenbahnbeschäftigten 
Stellung zu beziehen. Als Eisenbahnergewerkschaft haben wir eine Reihe 
von Aktionen mit den Beschäftigten durchgeführt, um das gesetzlich 
verankerte Recht auf Arbeitsverweigerung in Leben oder Gesundheit 
gefährdenden Situationen geltend zu machen. Ferner haben wir die 
Unterrichtungspflicht gegenüber der betroffenen Bevölkerung thematisiert. 


Zu Anfang sind wir vor allem vom Interesse der Eisenbahnbeschäftigten 
ausgegangen. Im Laufe der Zeit sind wir aber zu einer allgemeineren 
gesellschaftlichen Position gelangt. Die beste Lösung des Problems der 
Transportgefahren bestünde darin, aufzuhören, weiterhin Atommüll zu 
produzieren. Was wir bisher noch nicht durchgeführt haben, aber gern 
machen würden, wäre die Blockade eines Atommüllzugs durch uns, die 
Eisenbahner.