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HN-St: Um Obrigheim wird weiter gepokert



Heilbronner Stimme, 08.11.02

> Um Obrigheim wird weiter gepokert

Von Peter Reinhardt

Mit einem Trick hat die Energie Baden-Württemberg (EnBW) versucht, die 
Laufzeit ihres Kernkraftwerks Obrigheim (KWO) zu verlängern. Der Konzern 
wollte Reststrommengen des Atommeilers Stade kaufen. 

Nach einem Machtwort aus dem Berliner Kanzleramt sind die heiklen Pläne 
aber inzwischen dem Vernehmen nach zu den Akten gelegt. Selbst Kenner der 
Materie haben den komplizierten Satz in Paragraf sieben des 
Ausstiegsgesetzes überlesen. 

Dabei öffnet der Absatz 1b dem Energiekonzernen im besten Juristendeutsch 
eine Hintertür, um ohne Zustimmung der Bundesregierung Strommengen von 
jüngeren Reaktoren auf ältere zu übertragen. Der Segen der Regierung ist 
danach - abweichend von den üblichen Regeln - nicht erforderlich, wenn 
die neuere Anlage endgültig vom Netz geht. Dies trifft für das 
Atomkraftwerk Stade zu, das die Eon AG im kommenden Sommer abschalten 
will. 

Die EnBW hat mitten im Tauziehen der Grünen mit Bundeskanzler Gerhard 
Schröder (SPD) um die Laufzeitverlängerung für Obrigheim bei der Eon 
angeklopft. Schließlich hätte die in Stade übrig bleibende Strommenge für 
das KWO eine Gnadenfrist von zwei Jahren gebracht. Nachdem die 
Bundesregierung einer Übertragung von 5,5 Terrawattstunden von 
Philippsburg II auf Obrigheim zugestimmt hat, ließ man das politisch 
heikle Ansinnen wieder fallen. 

Eigentlich wollte EnBW-Vorstandschef Gerhard Goll das nahezu fast 
dreifache Volumen, um KWO noch fünf Jahre zu betreiben. Aber er schluckte 
den Zwei-Jahres-Kompromiss mit den Worten: "Wer im Leben mit dem Kopf 
durch die Wand will, riskiert, dass er am Ende ohne Kopf da steht." 

Ein Restrisiko bleibt. Der Bescheid von Bundesumweltminister Jürgen 
Trittin (Grüne) liegt der EnBW noch immer nicht vor. Von dessen Wortlaut 
macht Goll die endgültige Zustimmung abhängig. Trittin will offenbar die 
Strommenge möglichst eng an zeitliche Vorgaben koppeln, damit Obrigheim 
nicht den nächsten Landtagswahlkampf 2006 überstrahlt. Ungefähr im 
Februar oder März 2005 muss das KWO vom Netz, wenn bis dahin unter 
Volllast gefahren wird. Allerdings fürchtet der Chef der Landtags-Grünen, 
Windfried Kretschmann, "Tricks und Kniffe" der EnBW, um die Atomgegner 
noch einmal richtig zu quälen. 

Unterdessen kalkulieren die Experten in Obrigheim bereits die 
betriebswirtschaftlich optimale Nutzung der Anlage für die nun zur 
Verfügung stehenden 5,5 Terrawattstunden. Schon werden die Rechenstifte 
gespitzt, um die teuren Brennstäbe danach möglichst gut auszunutzen, 
erläutert ein Sprecher auf Anfrage. Anfang Dezember tagt der 
Verwaltungsrat. Da wollen die Verantwortlichen "Nägel mit Köpfen machen" 
und einen Zeitplan bis zur Stilllegung beschließen. 



Kommentar "Dauerbrenner KWO " 

08.11.2002