FR: Beim Castor schlägt's dreizehn
Frankfurter Rundschau, 05.11.02
> Beim Castor schlägt's dreizehn
Wenn die Tage deutlich kürzer werden und der erste Raureif Äcker und
Wiesen überzieht, kommt der heiße Müll ins Wendland. In diesem Jahr nicht
nur als "Sechserpack" - gleich zwölf Castorbehälter werden aus der
französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague nach Gorleben rollen,
voraussichtlich in der zweiten Novemberwoche. Zwölf auf einmal - " jetzt
schlägt's 13!" betitelt die Bürgerinitiative Umweltschutz ihre
Herbstaktion.
Am Castor-Verladebahnhof in Dannenberg wird gebuddelt, dort richtet sich
die Polizei mit Wohncontainern witterungsfest auf lange Sicht ein. Drei
Millionen Euro sind für die Errichtungskosten veranschlagt. Auf drei bis
zum 31. Dezember 2011 (!) gepachteten Flurstücken werden Wohnbauten für
die Gorleben-Polizisten installiert. 15 000 Beamte sollen das Dutzend
Castoren im November eskortieren. Die Kosten werden auf über 20 Millionen
Euro geschätzt. Gespart wird dafür an Landeskrankenhäusern, Staatsbädern
und Domänen, sie werden nach Plänen des niedersächsischen Finanzministers
Heinrich Aller (SPD) teilprivatisiert, um jährlich 120 Millionen Euro für
die CastorPolizei und Expo-Schulden zusammenzutragen. Castor kontra
Krankenhaus - ein makaberes Tauschgeschäft.
Der Abgesang auf die Anti-Atom-Bewegung im November 2001 ist den Aktiven
noch gegenwärtig. Richtig: Die Mobilisierung griff bundesweit nicht. Da
war der 11. September, der politische Schock, der auch sie erfasst hatte.
Die Bürokratie und der Polizeiapparat zeigten sich davon unberührt, der
zweite Castor-Konvoi im Jahr 2001 wurde im Schatten des 11. September
durchgeboxt, obwohl bis heute völlig offen ist, ob und wie Atomanlagen
gegen Terrorangriffe des gleichen Kalibers überhaupt geschützt werden
könnten.
Zwar gibt es in Deutschland kein Abflauen des außerparlamentarischen
Protests, aber konkurrierende Themen von großem, wenn nicht größerem
Gewicht - allem voran die Kriegsdrohungen der USA gegen den Irak. "Wir
haben keine Chance - also nutzen wir sie!" - Die Lüchow-Dannenberger
ziehen sich trotzig auf alte Sponti-Parolen zurück. Das Thema "Atomkraft -
nein danke!" müsse erst wieder in die Schlagzeilen, und auf diese Weise
sorge man am nachhaltigsten für eine wachsende Unterstützung durch
Globalisierungskritiker und Friedensbewegte.
Einmal im Jahr mindestens wird nach den Plänen der Bundesregierung im
Wendland der Ausnahmezustand herrschen, damit der heiße Müll aus der
französischen Plutoniumfabrik La Hague in das Zwischenlager Gorleben
rollt. Absehbar ist, dass dieses eine Mal nicht ausreichen wird, denn
auch im britischen Sellafield werden Brennelemente aus deutschen
Reaktoren aufgearbeitet. Zwar soll deren Anlieferung 2005 enden, wenn bis
dahin im Kraftwerksbereich Abstellplätze und Hallen errichtet worden
sind, für die Wiederaufarbeitung selbst gibt es jedoch keinerlei
Zeitlimit.
Selbst die Behältertechnologie gerät immer noch in die Schlagzeilen. Das
ARD-Magazin "plusminus" berichtete, dass die Bruchsicherheit der
Castorbehälter lediglich errechnet wird. Der Hamburger Bauingenieur
Professor Hermann Flessner bewertet die offizielle Störfallberechnung mit
mangelhaft. "Wenn ein Diplomand mir eine Arbeit zur Beurteilung vorgelegt
hätte, in der so viele Fehler auftreten, dann hätte er mit dieser Arbeit
sein Diplom nicht erhalten", sagte er. Flessner warnt vor den Folgen
eines Transportunfalls. Beim Castor fehle, wenn er irgendwo hart
aufprallt, eine "Knautschzone": "Die ganze Energie bleibt im Behälter und
führt vermutlich zu dessen Zerstörung."
Ein bis zweimal im Jahr gibt es also Gelegenheit, die ungelöste
Atommüllentsorgung durch die Protestaktionen zum Thema öffentlicher
Debatten zu machen: Weder die Wiederaufarbeitung löst das Atommüllproblem
noch das Abstellen der Castorbehälter in einer Halle. Die Proteste im
Wendland sind nämlich auch ein gewichtiger Beitrag dafür, dass aus dem
Endlagermoratorium ein endgültiges Aus für den Ausbau des so genannten
Erkundungsbergwerks in Gorleben wird. Ein Salzstock, der Wasserkontakt
hat und noch abgelaugt wird, taugt nicht als Endlager für
Ewigkeitszeiträume. Völlig ausgeblendet wird bei der Endlagersuche, dass
Salzkristalle durch die radiochemische Strahlung zersetzt werden.
Entsprechende Warnungen aus Holland wie von Professor den Hartog
(Groningen) fanden kein Echo in der salzfixierten bundesdeutschen
Endlager-Community. Und welchen Sinn macht der angebliche Neustart für
eine ergebnisoffene Endlagersuche, die Rot-Grün anstrebt, wenn offiziell
nicht von Gorleben und Schacht Konrad abgerückt wird?
Der rasche Atomausstieg ist das eine unzureichend gelöste Thema, das
belegen die fortgesetzten Pannen in Obrigheim, Philippsburg und anderswo.
Die Atommüll-Entsorgung ist das andere. Deshalb wird am 9. November, am
Samstag vor dem "Tag X", vor der Endlagerbaustelle in Nachbarschaft zur
Castor-Halle demonstriert. 20 Castor-Behälter stehen bereits in Gorleben,
420 Stellplätze gibt es insgesamt. Jeder dieser Transporte trägt dazu
bei, Gorleben auch als Endlagerstandort zu zementieren. Die permanente
Einschränkung des Demonstrationsrechts lassen wir uns nicht verbieten.
Der Autor ist Vorstandsmitglied der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-
Dannenberg.