StZ: Ein Grab für Müll der üblen Sorte
Stuttgarter Zeitung, 04.11.02
> Ein Grab für Müll der üblen Sorte
> Gemmrigheims Zwischenlager
GEMMRIGHEIM. Ein atomares Zwischenlager sorgt in Gemmrigheim (Kreis
Ludwigsburg) für Schrecken. Doch angeblich ist es in den mächtigen Röhren
so sicher, dass der Chef des Kraftwerks selbst darin übernachten würde.
"Da strahlt nichts", sagt er.
Von Verena Mayer
Alles läuft nach Plan im Gemeinschaftskernkraftwerk Neckarwestheim (GKN).
Der Bau des geplanten Zwischenlagers hat sich durch den Widerstand der
Gemeinde Gemmrigheim nicht verzögert. Sagt Wolfgang Heni, der
Geschäftsführer des Kraftwerks, der die Proteste einkalkuliert und die
Baugenehmigung für die unterirdische Atommüllhalde entsprechend früh
eingereicht hatte. "Dass die so einen Wirbel machen", hat Heni zwar nicht
erwartet, insofern sei er etwas überrascht gewesen. Gebracht hat der
Widerstand letztlich jedoch nichts.
In der vergangenen Woche haben die Richter des Mannheimer
Verwaltungsgerichtshofes entschieden, das Ludwigsburger Landratsamt dürfe
anstelle von Gemmrigheim die bis dato versagte Baugenehmigung erteilen.
Dass diese tatsächlich kommt, ist für Heni eine klare Sache. In zwei
Jahren, meint er, werde das Zwischenlager fertig sein.
Auf dem einstigen Steinbruchgelände in Gemmrigheim entstehen dann in etwa
30 Metern Tiefe zwei riesige, fast kahle Hallen, die große, schwere
Fässer beherbergen und einige Krane, die diese heben können. Jede der
Röhren ist 112 Meter lang, 14 Meter breit und 18 Meter hoch. Die Wände
und Decken sind unter anderem mit 80 Zentimeter dickem Stahlbeton
verbaut, fast ebenso massiv sind die Bodenplatten. Unter Tage soll
gesichert werden, was vom 1. Juli des Jahres 2005 an nicht mehr durch die
Republik transportiert werden darf: ausgediente uran- und
plutoniumhaltige Brennelemente.
Sehen wird man die 30 Millionen Euro teure Deponie nicht. Lediglich das
überirdische Eingangstor und ein Abluftkamin, der fast 20 Meter hoch ist
und einen Durchmesser von sieben Metern hat, zeugen von den mächtigen
Röhren im Muschelkalk.
Wenige hundert Meter vom Kraftwerksgelände entfernt bieten Bauern neue
Kartoffeln an, keine zwei Kilometer entfernt leben 3700 Gemmrigheimer,
etwa 45 Kilometer entfernt liegt Stuttgart mit seinen knapp 600 000
Einwohnern. Rund 40 Meter über den künftig gelagerten Brennelementen
steht der Schreibtisch von Wolfgang Heni. Der GKN-Geschäftsführer wird
den Kamin des unterirdischen Lagers von seinem Schreibtisch aus sehen.
Die Röhren werden in den Fels unterhalb des Verwaltungsgebäudes gebaut.
Angst hat Heni keine, sagt er. Das wäre Unsinn.
Die Gemmrigheimer und ihre Nachbarn haben Angst. Angst, dass die Behälter
in den beiden Stollen nicht dicht sind, dass sie nicht sorgfältig genug
überwacht werden, dass radioaktive Teilchen über den Abluftkamin ins
Freie gelangen. Fast drei Jahre lang hat sich der Gemmrigheimer
Gemeinderat gegen das Bauvorhaben gewehrt. Hat Bebauungspläne
ausgetüftelt, ein früher gefälltes Urteil der Mannheimer Richter
ignoriert, Mahnungen des eigenen Rechtsanwaltes in den Wind geschlagen,
Appelle des Landrates überhört und hohe Schadensersatzforderungen des GKN
riskiert, falls das Lager nicht rechtzeitig fertig werden sollte.
Wolfgang Heni sagt, er könne die Ängste der Gemmrigheimer "nicht die
Bohne nachvollziehen". In dem Zwischenlager sei alles so sicher, dass er
darin sogar übernachten würde. "Da strahlt doch nichts."
Für 151 Behälter aus Gusseisen und Kugelgrafit ist den Gemmrigheimer
Stollen Platz. Einer ist rund vier Meter hoch und wiegt 130 Tonnen.
Umfallen kann er angeblich nicht. Doch selbst wenn, es passiert laut Heni
nichts, dies hätten viele Prüfungen ergeben. Ein Castor-Behälter bricht
nicht, wenn er aus neun Metern Höhe auf die Erde fällt, schmilzt nicht,
wenn er eine halbe Stunde in einer Hitze von 800 Grad Celsius brennt,
zerbirst nicht, wenn er 15 Minuten lang 200 Meter tief im Wasser liegt.
In jedem dieser Trümmer ist Raum für insgesamt 19 Brennelemente. In den
Reaktoren der beiden Kraftwerksblöcke werden jährlich 92 dieser Elemente
ausgetauscht.
Vier Jahre sind sie im Einsatz gewesen, bis zu fünf Jahre kühlen sie
anschließend in einem Becken ab, bis zu 40 Jahre werden sie dann,
eingeschlossen in Castor-Behältern, unter Tage zwischengelagert.
Spätestens bis zum Jahr 2030 soll laut dem Atomkonsens für alle
ausgedienten Brennelemente ein zentrales Endlager gefunden sein. Was dann
mit den unterirdischen Lagerhallen passiert, weiß heute niemand.
Wolfgang Heni fehlt zu der nötigen Baugenehmigung allerdings noch die
atomrechtliche Genehmigung. Für diese ist das Bundesamt für
Strahlenschutz zuständig. Dieses prüft zurzeit unter anderem, ob das
geplante Zwischenlager tatsächlich sicher ist; auch bei einem Erdbeben,
einem Hochwasser oder einem Flugzeugabsturz. Doch der Geschäftsführer ist
zuversichtlich, wie er es trotz der Querelen mit den Gemmrigheimern stets
war. Er sagt, dass er diese zweite Genehmigung im kommenden Frühjahr
erwarte. Und dass alles weiter nach Plan laufe.
Der 56-jährige Betriebswirt sagt aber noch etwas: dass es auch ihm lieber
wäre, wenn gar kein Zwischenlager gebaut würde.
Aktualisiert: 04.11.2002, 06:05 Uhr