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RPf: "Betreiber schlampt, Atomaufsicht schläft"



Die Rheinpfalz, 11.10.02

> "Betreiber schlampt, Atomaufsicht schläft" 
  
Nach neuer Panne im Kernkraftwerk Philippsburg steht Stuttgarter 
Umwelministerium in der Kritik 
 
Als Folge der jüngsten Panne im Kernkraftwerk Philippsburg, bei der Ende 
September schwach radioaktives Wasser in den Rhein gelangt war (wir 
berichteten am 2. Oktober), will der Betreiber-Konzern Energie Baden-
Württemberg (EnBW) Reinigungsvorgänge künftig strenger überwachen. 
Ungeachtet dessen ist scharfe Kritik an der baden-württembergischen 
Atomaufsicht laut geworden. 
  

Wie das Landesumweltministerium in Stuttgart in dieser Woche mitteilte, 
sollen klare Regelungen für Reinigungsarbeiten in Kernkraftwerken 
schriftlich festgelegt und mögliche technische Probleme behoben werden. 

Die EnBW habe eine "Task Force" eingerichtet, die alle routinemäßigen 
Betriebsvorgänge und Instandhaltungsmaßnahmen überprüfen und 
Verbesserungsmaßnahmen erarbeiten soll, hieß es in Stuttgart.

Im Block 1 der Anlage war bei Reinigungsarbeiten radioaktiv verseuchtes 
Wasser in das Regenwassersystem des Kraftwerks gelangt. Ein kleinerer 
Teil der insgesamt rund 700 Liter soll von dort aus auch in den Rhein 
geflossen sein. Aus einer dem Ministerium vorgelegten Ereignisanalyse der 
EnBW geht hervor, dass bei Hochdruckreinigungsarbeiten einer Fremdfirma 
unter anderem die Systemtechnik unzureichend war. Die EnBW habe weiter 
mitgeteilt, der Vorgang sei vom Personal "nicht als problematisch 
erkannt" worden. Es habe sich um Routinearbeiten gehandelt, bei denen 
bislang ein Austreten kontaminierter Flüssigkeit nicht vorgefallen sei, 
heißt es. Nach EnBW-Angaben wurde bei der Panne Flüssigkeit mit einer 
Radioaktivität von 2,2 Mega-Bequerel freigesetzt, was weniger als 0,1 
Promille des genehmigten Jahresabgabewerts entspreche. 

Wegen der Panne steht auch die baden-württembergische Atomaufsicht erneut 
in der Kritik. Der SPD-Fraktionschef im Stuttgarter Landtag, Wolfgang 
Drexler, warf Landesumweltminister Ulrich Müller (CDU) Tatenlosigkeit 
vor. Drexler äußerte den Verdacht, dass die Häufigkeit der 
"Schlampereien" in den baden-württembergischen Atomkraftwerken auf 
"Nachlässigkeit" der Atomaufsicht zurückzuführen ist. Denn die Betreiber 
müssten bei Pannen nicht mit schwerwiegenden Konsequenzen rechnen.

"Nur leere Versprechungen"

Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Winfried Kretschmann warf der EnBW vor, 
nach der Pannenserie im vergangenen Jahr nur "leere Versprechungen" 
abgegeben zu haben. Von einer neuen Sicherheitskultur der EnBW könne 
keine Rede sein. Damit stelle sich erneut die Frage nach der im 
Atomgesetz vorgeschriebenen Zuverlässigkeit des Betreibers. Im August 
2001 war eine Sicherheitslücke im Notkühlsystem - eine zu geringe 
Borsäurekonzentration der Kühlflüssigkeit - vertuscht und verspätet 
nachgebessert worden. Der Reaktor war erst auf Druck von 
Bundesumweltminister Jürgen Trittin abgeschaltet worden. Später stellte 
sich heraus, dass die Borsäurekonzentration 17 Jahre lang zu niedrig 
gewesen war. 



"Panne drei Tage lang unbemerkt"

Dass der Vorfall, der der jüngsten Panne zugrunde liegt, drei Tage lang 
unbemerkt geblieben sei, wertete SPD-Fraktionschef Drexler als "besonders 
schlimm". Er kündigte eine Parlamentsinitiative seiner Fraktion an. Die 
Landesregierung solle damit gezwungen werden, die Panne aufzuklären und 
die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.



Erst am 26. September, wenige Tage vor Bekanntwerden der jüngsten Panne, 
hatte der Leiter der Abteilung Reaktorsicherheit im 
Bundesumweltministerium, Wolfgang Renneberg, dem baden-württembergischen 
Umweltministerium Fehlverhalten nach der Pannenserie vom Sommer 2001 im 
Atomkraftwerk Philippsburg 2 vorgeworfen. Renneberg sagte als Zeuge im 
Philippsburg-Untersuchungsausschuss des Stuttgarter Landtags, die 
verantwortlichen Beamten der Stuttgarter Atomaufsicht, eine Abteilung des 
Umweltministeriums, seien nicht in der Lage gewesen, kritische Fragen zu 
stellen. Sie hätten vielmehr nach Antworten gesucht, "die geeignet waren, 
das Ereignis herunterzuspielen".

(mk/ddp).