RNZ: Atommüll-Transport rollte durch Heidelberg
Rhein-Neckar-Zeitung, 11.10.02
> Atommüll-Transport rollte durch Heidelberg
> Atomgegner demonstrierten im Hauptbahnhof - 15 wurden in Gewahrsam
genommen, weil befürchtet wurde, sie wollten die Gleise besetzen
Fünf Castor-Behälter rollten gestern durch den Heidelberger Hauptbahnhof.
30 Atomkraftgegner demonstrierten in der Halle des Hauptbahnhofes gegen
die Transporte. Die Polizei nahm 15 von ihnen in Gewahrsam. Fotos: Kresin
Von Alexander R. Wenisch
Zur besten Feierabendzeit rollten gestern Nachmittag fünf Castor-Behälter
durch den Heidelberger Hauptbahnhof. In den Castoren wurden Atommüll von
den Kraftwerken Neckarwestheim und Grafenrheinfeld zu den
Wiederaufbereitungsanlagen La Hague (Frankreich) und Sellafield
(Großbritannien) transportiert. Etwa 30 Atomkraftgegner demonstrierten in
der Halle, 15 von ihnen wurden von der Polizei in Gewahrsam genommen. Die
Polizei hatte befürchtet, die Aktivisten wollten die Gleise im Bahnhof
besetzen, um den Transport zu stoppen.
Dies hatten die Demonstranten - größtenteils Mitglieder der Heidelberger
Anti-AKW-Gruppe - auch geplant. War es den Atomkraftgegnern während des
letzten Transports im März gelungen, am Karlstor die Gleise zu besetzen,
schafften es die meisten jungen Aktivisten gestern gar nicht bis auf den
Bahnsteig. "Wir haben aus dieser Erfahrung gelernt", so ein Beamter im
Einsatz. Bereits in der Bahnhofsvorhalle wurden die Demonstranten von der
Polizei gestoppt. Laut Angaben der Atomgegner wurden Mitglieder ihrer
Gruppe bereits vor dem Bahnhof von der Polizei abgefangen und ohne
Begründung in Gewahrsam genommen. "Dieses Vorgehen finden wir so heftig,
dass wir jetzt überlegen, gegen die Polizei Anzeige zu erstatten", so ein
Sprecher der Kernkraftgegner.
Wer es in die Bahnhofshalle schaffte, durfte lediglich Plakate - "Wir
haben euch nicht gewollt. Atomanlagen abschalten. Sofort!" und "Castor-
Skandal ohne Ende" - ausbreiten. Damit allerdings zogen die Demonstranten
die Blicke der Passanten in der zur Feierabendzeit gut gefüllten Halle
auf sich. Einige Aktivisten wollten zudem Flugblätter verteilen. Auch
dies unterband die Polizei teils sehr harsch: "Sie stecken ihre Blätter
jetzt weg. Basta und Schluss." Wer weiter verteile, müsse mit einer
Strafanzeige der Bahn rechnen. Unterdessen wurden die Personalien
überprüft. Laut Angaben der Polizei handelte es sich bei den
Demonstranten um "uns bekannte junge Leute aus dem Großraum Heidelberg".
Die Feststellung der Personalien zog sich unterdessen so lange hin, bis
der Transport über Gleis 1 den Hauptbahnhof passiert hatte. Gegen 16 Uhr
rollten die Castor-Behälter an. Lediglich drei Kernkraftgegner hatten es
bis dahin geschafft, die Polizeikontrollen im Foyer zu umgehen und
schrien lautstark gegen den Transport an. Erst dies dürfte wohl die
meisten der auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig Wartenden auf die
Castorbehälter aufmerksam gemacht haben. "Na, richtig wohl fühle ich mich
jetzt nicht", sagt eine junge Frau leicht beunruhigt nachdem der Zug
vorüber war. Einige Passanten waren erschrocken zurückgewichen.
Die fünf Castoren sind Teil des größten Atommülltransports, der bisher
durch Deutschland gerollt sei. Dies hatte die für die Transporte
zuständige Hanauer Bahn-Tochter Nuclear Cargo Service vorab bestätigt. In
Maschen bei Hamburg waren am Morgen Waggons aus den norddeutschen
Kraftwerken Stade, Brokdorf, Brunsbüttel und Krümmel zusammengekoppelt
worden. Ein weiterer Zug startete vom Kraftwerk Unterweser aus und wurde
in Hamm angehängt.
Für die Heidelberger Anti-AKW-Gruppe ist dies aber kein Grund, nicht auch
in Zukunft zu demonstrieren. Anfang November erwarten die Aktivisten
einen Zug von der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague ins
Endlager Gorleben. "Da werden wir bei Protesten im Wendland mitmachen",
so ein Mitglied. In Heidelberg will die Gruppe am kommenden Mittwoch am
Bismarckplatz demonstrieren: Im Gepäck ein Castorbehälter - als Modell.