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HN-St: "Kein erhöhtes Risiko" in der GKN-Umgebung



Heilbronner Stimme, 12.10.02

> "Kein erhöhtes Risiko" in der GKN-Umgebung

Von Joachim Kinzinger

Jedes 500. deutsche Kind erkrankt an Krebs. Haben Mädchen und Buben, die 
in der Umgebung eines Kernkraftwerks aufwachsen, ein erhöhtes 
Leukämierisiko? Professor Dr. Jörg Michaelis aus Mainz sagt Nein. Beim 
Vortrag im Informationsgebäude des Kernkraftwerks Neckarwestheim berief 
er sich auf die Resultate zweier umfangreichen Studien. 

Seit 22 Jahren gibt es in Deutschland ein Register für Tumorerkrankungen 
bei Kindern. Von 1980 bis 1999 wurden rund 28 000 Krebserkrankungen für 
Mädchen und Jungen unter 15 Jahren erfasst. Das Register ist im Institut 
für Medizinische Statistik und Dokumentation der Uni Mainz angesiedelt. 
Unter der Leitung des Epidemiologen Michaelis bildeten diese Zahlen die 
Basis, um regionale und zeitliche Erkrankungshäufungen festzustellen. 

Die erste Studie über die Auswirkung der Atomkraft auf die Umwelt und die 
Gesundheit stammt von den Briten. Die Forscher stellten Anfang der 80er 
Jahre einen Anstieg der Krebserkrankungen um die 
Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield fest und ermittelten auch ein 
erhöhtes Leukämierisiko für Kinder, die rund um die britischen 
Kernkraftwerke wohnen. "Das Ergebnis hat Besorgnis hervorgerufen ", 
erklärte Michaelis, der jetzige Präsident der Uni Mainz, vor über 150 
Zuhörern im GKN-Informationsgebäude. 

Die Datenbasis für die erste große Studie von 1980 bis 1990 war in 
Deutschland das Kinderkrebsregister. Die Epidemiologen verglichen aber 
die Zahl der bösartigen Erkrankungen in der Umgebung jedes Kernkraftwerks 
mit der Tumoranfälligkeit in einer Region ähnlicher Siedlungsstruktur. 
"Die Befunde aus England konnten nicht bestätigt werden", fasste 
Michaelis dieses Resultat zusammen. Nur bei Kleinkindern unter fünf 
Jahren sei die Leukämierate im Nahbereich etwas höher gewesen. Ein 
Befund, der in der zweiten Analyse von 1991 bis 1995 nicht mehr 
auftauchte. Die Entwarnung nach der englischen Studie sei nochmals 
"erhärtet" worden, so der Mediziner. 

Dass rund um den Atommeiler Krümmel das vierfache Leukämie-Risiko 
besteht, sei ein Einzelfall. Bis heute habe man keine stichhaltige 
Erklärung für die Erkrankungsfälle in der Elbmarsch gefunden. 

Die Zuhörer sahen auf der Leinwand auch die Daten von Neckarwestheim. Von 
1991 bis 2000 erkrankten im GKN-Nahbereich acht Kinder an Tumoren. In der 
Zehn-Kilometer-Zone waren es 33 Fälle. In der Zone bis 15 Kilometer 
meldeten Ärzte 106 Jungen und Mädchen im Krebsregister an. In Bezug zur 
Vergleichsregion sind diese Zahlen laut Michaelis "völlig unauffällig". 

Kritisch setzte sich der Mainzer Mediziner mit der Bayernstudie von Dr. 
Alfred Körblein auseinander, der auf Landkreisebene die Krebshäufigkeit 
von 1983 bis 1993 analysierte. Die Zahl der bösartigen Erkrankungen 
stiegen nach dem Bericht des Umweltinstituts München im Umkreis der drei 
bayerischen Atommeiler um 30 Prozent. Man dürfe nicht in "Daten 
herumfischen", kritisierte der Mainzer Wissenschaftler die 
Untersuchungsmethode Körbleins. Die Auswertung auf Landkreisebene sei ein 
einzelner, isolierter Wert. Eine erneute Studie aus neuerem Datenmaterial 
für Bayern (1991 bis 2000) und auf Basis der relevanten Gruppen ergebe 
"keine auffälligen Befunde", erklärte Michaelis, also kein erhöhtes 
Risiko. 

Das Kapitel über die Krebsgefahr rund um Atomkraftwerke ist noch nicht 
geschlossen. Eine weitere Fallstudie hat das Bundesamt für Strahlenschutz 
in Auftrag gegeben. 

12.10.2002