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FR: AKW setzt Betreiber unter Strom



Frankfurter Rundschau, 12.10.02

> AKW setzt Betreiber unter Strom 
> Mängel bei Sicherheitsmanagement in Obrigheim entdeckt 

Von Vera Gaserow (Berlin) 

Im AKW Obrigheim sind offenbar zehn Jahre lang Sicherheitsmängel 
unentdeckt geblieben. Das Bundesumweltministerium meldete deshalb Zweifel 
an der Zuverlässigkeit des Betreibers EnBW an und zitierte die baden-
württembergische Atomaufsicht für Montag zu einem Gespräch nach Berlin. 
Das baden-württembergische Umweltministerium weigert sich jedoch, dieser 
Weisung des Trittin-Ministeriums zu folgen. Anlass des eskalierenden 
Konflikts ist ein Sachverständigenbericht, der Mängel im AKW-
Sicherheitsmanagement auflistet. 

Unterdessen bringt die beantragte Laufzeitverlängerung für Obrigheim Rot-
Grün weiter in Bedrängnis. Am Montag intervenierte Konzernchef Gerhard 
Goll mit einem Brief auf höchster Ebene, um Obrigheim die längere 
Betriebsdauer zu ermöglichen. Das Schreiben hätte ans 
Bundesumweltministerium adressiert sein müssen, doch es ging ans 
Kanzleramt. Von dem "Kriegsgeschrei der letzten Tage" möge sich der "sehr 
geehrte Herr Bundeskanzler" nicht beeinflussen lassen, drängt EnBW-Chef 
Goll als oberster Herr über Obrigheim. Eine Mahnung an den Kanzler, sich 
das angeblich versprochene Ja zu Obrigheim nicht vom grünen 
Koalitionspartner abhandeln zu lassen. 

Andererseits mahnen Umweltverbände Rot-Grün, mit einer 
Laufzeitverlängerung für Obrigheim würde ein atompolitischer "Basar" 
eröffnet. 

Was macht Obrigheim zum Zankapfel? Der mit 34 Jahren älteste und kleinste 
deutsche Atommeiler hätte laut Atomkonsens im Juni 2003 die ihm 
zustehende Reststrommenge verbraucht. Könnte EnBW, wie beantragt, 
Stromkontingente vom AKW Neckarwestheim II und vom AKW Philippsburg 2 
abzweigen, würde sich deren Laufzeit kaum verkürzen. Obrigheim hingegen 
müsste erst 2008 vom Netz. Damit hätten die Betreiber Zeit gewonnen und 
können weiter auf eine politische Wende in der Atompolitik hoffen. 

Obrigheim gilt als Gelddruckmaschine. Trotz seines Alters weist der 
Meiler mit wenigen Stillstandszeiten eine höhere Arbeitsauslastung als 
manch jüngeres AKW auf. Zudem ist die Anlage abgeschrieben. Das hohe 
Interesse an Obrigheim könnte zusätzlich mit den steuerfreien 
Rückstellungen zu tun haben, die Kraftwerke für Katastrophenfälle bilden 
können. Ginge das AKW vom Netz, müsste EnBW dieses Finanzpolster auflösen 
und versteuern. 

Nach dem Atomkonsens ist die Strommengenübertragung von einem neuen auf 
ein altes Kraftwerk die Ausnahme von der Regel. Sie wäre eine 
Ermessensentscheidung. Nach Ansicht des Umweltministeriums müsste der 
Kraftwerksbetreiber besondere Gründe darlegen, warum die 
Strommengenübertragung zu Gunsten eines älteren AKW im öffentlichen 
Interesse liegen soll. 

EnBW müht sich bisher kaum, die Gründe aufzulisten. Gerade zwei Seiten 
lang ist die Anfang der Woche nachgeschobene Begründung für den Antrag 
auf Betriebsverlängerung. Darin verweist Obrigheim unter anderem auf sein 
bereits existierendes Zwischenlager. Dadurch würden Atomtransporte 
vermieden. 

Trittins Ministerium signalisiert wenig Bereitschaft, dieser 
Argumentation zu folgen. Obrigheims Sicherheitsstandards entsprächen 
nicht mehr dem Stand von Wissenschaft und Technik. Dies scheint der 
Sachverständigenbericht nun zu bestätigen, der konstatiert, das AKW sei 
jahrelang nicht nach den Sicherheitsregeln betrieben worden.