StZ: Obrigheim und der Atommüll
Stuttgarter Zeitung, 16.10.02
> Obrigheim und der Atommüll
> Schmerzpunkte
Der Streit um Obrigheim zeigt, wie zerbrechlich der relative Frieden noch
ist, der mit dem deutschen Atomkonsens über das Land gekommen ist. An der
grünen Basis rumort es wieder, seit die EnBW den Antrag gestellt hat, die
Betriebsdauer für das alte Kernkraftwerk zu verlängern. Der Energieriese
beruft sich zwar auf eine Zusage des Kanzlers, aber der wird es
angesichts der Empörung im Lager des Koalitionspartners schwer haben, sie
einzulösen. Nur zähneknirschend hatten sich die Grünen darauf
eingelassen, dass die Stilllegung eines Atommeilers nicht schon in der
ersten gemeinsamen Regierungszeit von den Kernkraftgegnern gefeiert
werden konnte. Noch länger darauf zu warten überfordert ihre
Kompromissfähigkeit, was immer die Argumente des Stromkonzerns sein
mögen. Die Frage ist freilich, wie sich Gerhard Schröder aus der Klemme
winden kann.
Gleich wie man insgesamt zum mählichen Ausstieg aus der Atomkraft steht,
eines lässt sich nicht übersehen: Dieser Beschluss hat dazu beigetragen,
dass es auf den Straßen und Plätzen erheblich ruhiger zugeht. Wer hätte
denn vor wenigen Jahren noch geglaubt, dass der größte Atommülltransport
aller Zeiten durch Deutschland rollen kann, ohne dass es erwähnenswerte
Demonstrationen, Blockaden, Ausschreitungen gibt? Eben das ist soeben im
Schatten des neu aufgeflammten Streits um Obrigheim geschehen. Insoweit
ist das politische Kalkül aufgegangen: Hat sich erst der Eindruck
gefestigt, dass es nicht mehr um Ausbau, sondern um die Abwicklung der
Kernkraft geht, dann werden sich die Gemüter beruhigen, und dann werden
auch die Chaoten keine Deckung mehr finden. Genau deshalb jedoch ist die
Obrigheim-Debatte nicht ohne Risiko.
Von Joachim Worthmann