Justiz nimmt Reaktor Obrigheim ins Visier
Stuttgarter Zeitung, 14.10.02
> Justiz nimmt Reaktor Obrigheim ins Visier
Gutachter rügt schwere Sicherheitsmängel - SPD und Grüne streiten weiter
über Laufzeit
Von Andreas Müller
STUTTGART. Die Betreiber des umstrittenen Kernkraftwerks Obrigheim
geraten jetzt auch juristisch unter Druck. Wegen des Verdachts, der
Reaktor sei unerlaubt betrieben worden, ermittelt die Staatsanwaltschaft
Mosbach gegen das Leitungspersonal des Reaktors. Dies bestätigte ein
Behördensprecher.
Bei den Berliner Koalitionsverhandlungen wird Obrigheim zusehends zum
Knackpunkt: SPD und Grüne konnten sich gestern nicht einigen, wie lange
der älteste deutsche Reaktor noch laufen darf. Grünenpolitiker aus dem
Land machen sogar den Fortbestand des Regierungsbündnisses davon
abhängig, dass das Atomkraftwerk rasch abgeschaltet wird.
Ein von der Staatsanwaltschaft eingeschalteter Gutachter hat nach
Informationen der Stuttgarter Zeitung schwere Sicherheitsmängel
festgestellt. Die teilweise bereits bekannten Verstöße gegen Vorschriften
sind demnach wesentlich gravierender als bisher angenommen. So war in
einem Behälter des Notkühlsystems zehn Jahre lang zu wenig Wasser, ohne
dass dies bemerkt wurde.
Der Gutachter der Anklagebehörde ist zugleich Mitglied der
Reaktorsicherheitskommission des Bundes. In dieser Funktion hat er das
Bundesumweltministerium über seine Befunde unterrichtet. Sein Bericht ist
der Anlass eines Gesprächs, zu dem Umweltminister Jürgen Trittin für den
heutigen Montag die baden-württembergische Atomaufsicht einbestellt hat.
Auch Trittins Staatssekretär Rainer Baake bezog sich auf Erkenntnisse des
Gutachters, als er am Sonntag von einem erhöhten Sicherheitsrisiko in
Obrigheim sprach. Ein Störfall im Reaktorkern hätte nach seinen Worten
weitaus schlimmere Folgen haben können als bisher bekannt. Es sei
zweifelhaft, ob im Fall eines Kühlmittelverlustes genügend Notkühlmittel
zur Verfügung gestanden hätte. Das baden-württembergische
Umweltministerium und der Betreiberkonzern Energie Baden-Württemberg
(EnBW) hatten die Initiative Trittins als taktisches Manöver im Zuge der
Koalitionsverhandlungen gewertet. Minister Ulrich Müller (CDU) lehnt es
daher ab, seine Beamten heute nach Bonn zu schicken: Zu einem
kurzfristigen Gespräch gebe es keinen Anlass.
Über den Stand der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen war Müllers Haus
anscheinend nicht informiert. Der Gutachter hatte seine Expertise Ende
September abgeliefert. Unmittelbar danach informierte er das
Bundesministerium. Die Mosbacher Ermittler stützen sich offenbar
maßgeblich auf das Gutachten. Nach Auskunft ihres Sprechers ist noch
offen, ob das Verfahren auch auf Verantwortliche bei der EnBW ausgedehnt
wird. Mit dem Abschluss sei "frühestens in einem halben Jahr" zu rechnen.
Obrigheim wird zum KriminalfallSeite 3
Aktualisiert: 14.10.2002, 06:05 Uhr