HN-St: Ein Nullsummenspiel um Obrigheim
Heilbronner Stimme, 15.10.02
> Ein Nullsummenspiel um Obrigheim
Von Peter Reinhardt
Kurz vor dem Kompromiss von SPD und Grünen um die längere Laufzeit hatte
das Tauziehen um das Kernkraftwerk Obrigheim (KWO) noch einmal neue
Dramatik erhalten. Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) monierte
publikumswirksam "gravierende Mängel im Sicherheitsmanagement" .
EnBW-Vorstandschef Gerhard Goll bezeichnete dies als " offensichtlich
inszenierte Kampagne". "Durchsichtiges Spiel " warf Landes-Umweltminister
Ulrich Müller (CDU) Trittin vor.
Die Grünen in Baden-Württemberg hatten es schon am Wochenende geahnt und
ruderten vorsichtig zurück: Parteifreund Trittin musste beidrehen, damit
Kanzler Gerhard Schröder seine Zusage für eine Gnadenfrist für
Deutschlands ältestes Kernkraftwerk einhalten konnte.
Fraktionschef Winfried Kretschmann rückte als erster von der
Maximalposition, dem Abschalten zum Jahreswechsel, ab. Einer "
substanziellen Verlängerung der Laufzeit" werde nicht zugestimmt, hieß da
die neue Verteidigungslinie.
Auch Landeschef Andreas Braun signalisierte Gesprächsbereitschaft. Der
Zwei-Jahres-Kompromiss strapaziert die Südwest-Grünen bis an die Grenze
des für sie erträglichen.
Trittins wenige Tage vor dem Kompromiss im Eilverfahren aufgetauchten
Sicherheitsbedenken erscheinen nun als der letzte Versuch, das schon
verlorene Gefecht um Obrigheim auf einem Nebenkriegsschauplatz zumindest
für die Grünen-Galerie zu gewinnen.
Ist doch der Vorkämpfer des Atomausstiegs in den eigenen Reihen heftig
unter Druck geraten, seit klar ist, dass er von Schröders Zusage wusste.
Wie gerufen kam da das Gutachten des Physikers Richard Lothar Donderer,
der im Auftrag der Staatsanwaltschaft Mosbach die Kühlsysteme von KWO
untersucht hat.
Die Ermittlungen kamen durch das Eingeständnis der EnBW vom letzten
November in Gang, dass in Obrigheim in den vorangegangenen zehn Jahren
beim Anfahren des Reaktors die Flutbehälter nicht die vorgeschriebene
Füllung von 330 Kubikmeter aufwiesen.
Ende 2001 reichte die EnBW eine Störfallmeldung nach. Die Gesellschaft
für Strahlenschutz hat dies offenbar nicht beanstandet.Donderer äußert
nun Zweifel an der Zuverlässigkeit der Betreiber.
Auch im Dauerbetrieb, so sein bisher nicht bestätigter Befund, sei zu
wenig Menge in den Flutbehältern gewesen. Sein vorläufiges Gutachten für
die Staatsanwaltschaft gab er an das Bundesumweltministerium weiter.
Die Staatsanwaltschaft Mosbach leitete im November Vorermittlungen ein
wegen des Verdachts auf unerlaubtes Betreiben einer kerntechnischen
Anlage.
Daraus wurde im Februar ein förmliches Ermittlungsverfahren gegen die KWO-
Chefetage, um so die drohende Verjährung der Vorgänge von 1991 bis 2001
zu verhindern. "Wir sehen keinen neuen Sachstand", beharrt das
Stuttgarter Umweltministerium.
Ein Sicherheitsproblem habe zu keinem Zeitpunkt bestanden, und Trittins
Experten hätten das auch gar nicht behauptet. Auch juristisch sieht sich
Goll auf der sicheren Seite.
Dass die nun beanstandete Praxis nach dem Betriebshandbuch zulässig war,
hätten die Gutachter damals bestätigt. "Nach allem, was ich weiß, ist die
angebliche Sicherheitsproblematik konstruiert und hält einer objektiven
Betrachtung nicht stand."
15.10.2002