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StZ: Obrigheim bleibt bis Anfang 2005 am Netz



Stuttgarter Zeitung, 15.10.02

> Obrigheim bleibt bis Anfang 2005 am Netz
 
Betriebsdauer des ältesten deutschen Atomkraftwerks um zwei Jahre 
verlängert
 
BERLIN. Das Kernkraftwerk Obrigheim bleibt zwei Jahre länger als geplant 
am Netz. Das teilte Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) gestern mit. 
Demnach wird der älteste Atommeiler Deutschlands Anfang 2005 stillgelegt.

Von Bärbel Krauß

Ursprünglich sollte das Atomkraftwerk am Neckar Anfang kommenden Jahres 
abgeschaltetet werden. Die Energie Baden-Württemberg AG (EnBW) hatte 
beantragt, die Laufzeit um fünf Jahre zu verlängern. Der EnBW-Chef 
Gerhard Goll berief sich dabei auf eine mündliche Zusage des 
Bundeskanzlers.

Umweltminister Trittin betonte gestern, die Entscheidung, den Betrieb in 
Obrigheim bis 2005 zu dulden, sei im Einvernehmen mit dem Kanzleramt und 
dem Wirtschaftsministerium gefallen. Goll sagte am Abend, eine um 
lediglich zwei Jahre verlängerte Betriebsdauer stelle ihn zwar nicht 
zufrieden, aber er werde die Entscheidung der Regierung sorgfältig 
prüfen. Es sei vernünftig, einen Kompromiss zu suchen.

Der Streit über die Laufzeit des Kernkraftwerks Obrigheim hatte die 
Koalitionsgespräche in den vergangenen Tagen erheblich belastet. Trittin 
räumte gestern erstmals ein, dass es eine Zusage des Kanzlers gegeben 
habe, die Laufzeit über den ursprünglich vorgesehenen Abschalttermin 
Anfang 2003 hinaus zu verlängern. "Selbstverständlich hat es Gewicht, 
wenn ein Bundeskanzler etwas zusagt, auch rechtlich", sagte der Minister.

Trittin war dem Vernehmen nach in der Koalitionsrunde heftig unter Druck 
geraten. SPD-Politiker hätten ihm gedroht, mit der Union über eine große 
Koalition zu verhandeln, falls er der verlängerten Laufzeit für das 
Kraftwerk Obrigheim nicht zustimme. Andererseits wollten die baden-
württembergischen Grünen dem Koalitionsvertrag nicht zustimmen, falls 
sich die EnBW mit ihren Plänen durchgesetzt hätte. Kritiker des 
Atomkonsenses aus anderen Landesverbänden äußerten sich ähnlich.

"Ihr werdet doch wegen der zwei Jahre nicht die Koalition aufs Spiel 
setzen", so habe Rezzo Schlauch, noch Fraktionschef der Grünen, an seine 
Parteikollegen im Südwesten appelliert. Der Landesverband will den 
Kompromiss nun trotz der verlängerten Betriebsdauer billigen. Hauptsache 
sei, dass der Atommeiler noch in dieser Legislaturperiode stillgelegt 
werde. Umweltverbände kritisierten die Entscheidung scharf. "Mit diesem 
faulen Kompromiss weicht die Regierung den Atomkonsens schon beim ersten 
Ausstiegsschritt auf", rügte der Naturschutzbund.

Der jetzt vereinbarte Kompromiss geht zu Lasten des Kernkraftwerks 
Philippsburg. Die EnBW hatte beantragt, von dem neuen Atommeiler 
Neckarwestheim II Strommengen auf Obrigheim zu übertragen. Jetzt werden 
aber Kapazitäten von dem 22 Jahre alten Meiler Philippsburg I auf 
Obrigheim umgebucht. Dabei gehe es aber nicht um 15 Terawattstunden, wie 
von Goll angestrebt, sondern nur um 5,5. Dies entspreche einer 
zusätzlichen Laufzeit von zwei Jahren für Obrigheim. Entsprechend 
verkürze sich die Laufzeit für Philippsburg - allerdings nur um ein Jahr, 
weil es größere Kapazitäten habe.

"Ich glaube, dass wir hier einen rechtlich einwandfreien Weg gefunden 
haben", sagte Trittin. Die Entscheidung über Obrigheim werde bei anderen 
Kernkraftwerken nicht zur Regel. Mit Blick auf die Sicherheitsmängel des 
34 Jahre alten Atommeilers sagte der Minister, die Zweifel an der 
Zuverlässigkeit des Betreibers seien nicht ausgeräumt.