StZ: Zwei Jahre mehr für Obrigheim
Stuttgarter Zeitung, 15.10.02
> Zwei Jahre mehr für Obrigheim
> Zerreißprobe für die Grünen
Es ist ein Kompromiss, den Umweltminister Jürgen Trittin in Sachen
Obrigheim vorgestellt hat. Mathematisch liegt er sogar ziemlich genau in
der Mitte zwischen den beiden Ausgangspositionen. Der Kanzler wollte
Obrigheim vier Jahre länger am Netz lassen, die Grünen wollten
Deutschlands ältesten Meiler Anfang 2003 ausschalten. Das Betreiber-
Unternehmen EnBW wollte ursprünglich eine Verlängerung um fünfeinhalb
Jahre zu Lasten von Neckarwestheim. Stattdessen wird jetzt Philippsburg
früher abgeschaltet, und Obrigheim darf bis 2005 Atomstrom liefern. Doch
nur weil mit dieser Entscheidung rein rechnerisch die goldene Mitte
ziemlich genau getroffen ist, ist die Einigung noch lange kein guter
Kompromiss. Das werden nicht nur die Extremisten unter den
Atomkraftgegnern so sehen, die nach wie vor die alte, politisch überholte
Parole vom "Atomausstieg sofort" für richtig halten. Das gilt auch für
viele gemäßigte Kernkraftkritiker, die die Aussicht auf ein promptes Aus
für Obrigheim Anfang 2003 über die Enttäuschung des auf Jahrzehnte
gestreckten Atomausstiegs hinweggetröstet hat. Zwei Jahre mehr für
Obrigheim enttäuscht sie wieder.
Das stellt die Grünen vor eine Zerreißprobe. In vier Jahren
Regierungszeit sind auch die Delegiertenversammlungen der Partei
pragmatisch geworden, das ist wahr. Doch dass der Grünen-Parteitag in
Bremen den Kompromiss über Obrigheim einfach so akzeptiert, ist
keineswegs sicher. Daran hängt die Wiederauflage der Koalition. In Zeiten
des Pragmatismus, und das sind Koalitionsverhandlungen allemal, wird die
Qualität des Kompromisses über Obrigheim nur an einem einzigen Punkt
gemessen werden: an seiner Durchsetzbarkeit. Sie ist ungewiss.
Von Bärbel Krauß