RPf: Frankreich geht gelassen mit der Atomkraft um
Die Rheinpfalz, 16.10.02
> Frankreich geht gelassen mit der Atomkraft um
> Ökogruppen haben sich in der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague mehr
Transparenz ertrotzt – Die Angst vor einem Terroranschlag bleibt
Aus Cherbourg berichtet unser
Korrespondent Lutz Hermann
Die Riesenanlage mit dem nichts sagenden Namen La Hague am Ärmelkanal ist
ein sonderbares Gebilde. Zwischen Bürokomplexen, Kühltürmen,
Montagehallen und bis zu 80 Meter hohen Schornsteinen pendeln tausende
Menschen in blauen, roten, schwarzen und weißen Overalls hin und her.
Kleinbusse bringen sie in alle Winkel des 300 Hektar großen Geländes. Ein
Brummen und Summen zeugt davon, dass hier Aggregate und Motoren ständig
laufen.
Ein Teil der Overallleute trägt Schutzhelme, der andere Filmdosimeter zur
Strahlenmessung an der Brust. Ein drei Meter hoher Stahlzaun umgibt den
weitläufigen Industriekomplex. Vor einigen Monaten standen hier noch
Flugabwehrbatterien der Armee. La Hague, fürchteten Politiker im 400
Kilometer entfernten Paris, könnte das Ziel eines Terroranschlags werden.
Die Nuklearzentrale, die 25 Kilometer westlich der Hafenstadt Cherbourg
auf der Normandiehalbinsel Cotentin liegt, ist wieder in den Mittelpunkt
der Öffentlichkeit gerückt: Das Werk hat inzwischen den weltgrößten
Atomtransport von in deutschen Reaktoren verbrauchten Brennelementen
aufgenommen.
Die radioaktiven Reststoffe werden in La Hague abgekühlt, in
Salpetersäurelösung werden Plutonium und Uran getrennt und so entseucht,
in Glas geschmolzen (Vitrifizierung), in Stahlkokillen abgefüllt, für
kurze Zeit zwischengelagert und dann, so bestimmen es die Verträge mit
Deutschland, wieder ins Ursprungsland per Zug zurückgeschickt.
Das war bisher über Jahrzehnte ein enorm einträgliches Geschäft für eine
der größten Atomfabriken der Welt. Dafür wurde extra ein neues Werk, UP3,
gebaut. Die Gesamtkapazität von La Hague beträgt heute in den beiden
Werken UP2 (für Brennstäbe aus den 58 französischen Reaktoren) und UP3
(für ausländische Kunden) 1700 Tonnen pro Jahr. Lieferanten sind neben
Deutschland Japan, Belgien, die Niederlande und die Schweiz. In drei
Jahren, 2005 also – so hat sich Berlin verpflichtet – wird kein Material
mehr nach La Hague geschickt. Ist der Ausfall für die Franzosen ein
Schlag ins Kontor?
Wohl kaum. In der Führungsetage der Betreibergesellschaft Cogema rauft
sich keiner die Haare. Man ist stolz auf die Leistung, den gesamten
Strombedarf in Frankreich zu 76 Prozent aus Atomkraft decken zu können.
Thierry Langlois, zweiter Kommunikationschef, meint lässig, bis dahin
würden sich schon neue Kunden in der internationalen Nuklearwirtschaft
finden lassen. Dass die Japaner nach dem Vorbild La Hague eine eigene
Wiederaufarbeitungsanlage bauen wollen, stört ihn nicht. Im Gegenteil: 20
japanische Atomexperten bereiten sich im Werkgelände auf die Aufbauarbeit
zu Hause intensiv vor.
Die Regierung in Paris plant ohnehin keinen Atomausstieg. Schutz und
Sicherheit vor dem Atom seien in Frankreich bestens gewährleistet, sagt
Langlois. Seit Jahren haben unterschiedliche Kontrollinstanzen ein Netz
von Tests und Überprüfungen über die Anlage gespannt. 60 Kontrollen im
Jahr. Monatlich gibt Cogema Messwerte der Öffentlichkeit bekannt.
Unabhängige Experten dürfen nachprüfen, wenn kritische Berichte, zum
Beispiel über eine Häufung von Leukämie bei Kleinkindern im Werkumfeld,
auftauchen.
Greenpeace, Grüne, Kernkraftgegner, Ökologen und eine zornige lokale
Frauenbewegung ertrotzten sich mehr Transparenz des hermetisch nach außen
abgeriegelten Industriekomplexes. Tatsächlich untersuchten, wie sie
forderten, zehn unabhängige Labors im Jahr 2000 den Grad der
Radioaktivität in einer Umgebung von zehn bis 30 Kilometern. In 22
Dörfern, Schulen und auf Bauernhöfen wurden Messungen durchgeführt. Das
Ergebnis: Nichts Alarmierendes. Die zwei Dutzend Leukämiefälle
entsprächen dem Krankheitsdurchschnitt in Frankreich. Das Mütterkollektiv
ist entschlossen, trotzdem wachsam zu bleiben.
Und dennoch hat Cogema die Sicherheitsanforderungen für die 6000
Beschäftigten in der Atomverarbeitung erhöht. Von einem neuen, modernen
Kontrollzentrum aus verfolgen 60 Mitarbeiter rund um die Uhr fast alle
Arbeitsprozesse, von der angeblich sauberen Wasserentsorgung ins Meer
über die Überprüfung der Gasableitungen in die Atmosphäre bis zum Grad
der Radioaktivität in den vier Wasserbecken, wo die im In- und Ausland
verbrauchten Brennstäbe drei Jahre lang abklingen.
Doch auch den Betreibern ist klar: Ein Null-Risiko gibt es nicht. Die
Dosimeter auf der Brust eines jeden Beschäftigten sind lebenswichtig.
Schweigsam wird man in La Hague, wenn vom Horrorszenario eines
Terroranschlags die Rede ist. Die Europol-Gruppe in Den Haag warnte
jüngst, im EU-Raum könne es zu einem spektakulären Terrorattentat kommen.
La Hague verstärkte inzwischen Sicherheit und Schutz seiner Anlagen. Dass
die Armee mit der Raketenabwehr zurückkommt, ist denkbar.