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jW: Extrawurst von Trittin



Junge Welt, 16.10.02

> Extrawurst von Trittin

Scharfe Kritik an Deal über Laufzeitverlängerung des Uralt-Atommeilers 
Obrigheim

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat die von SPD und Grünen 
ausgekungelte Laufzeitverlängerung für das baden-württembergische 
Atomkraftwerk Obrigheim am Dienstag scharf kritisiert. Beim Schutz der 
Bevölkerung vor Atomgefahren dürfe es keine Kompromisse geben, erklärte 
die Greenpeace-Energieexpertin Susanne Ochse. Der ausgehandelte Kompromiß 
zeige, »daß Rot-Grün in Fragen der Sicherheit von Atomkraftwerken mit 
sich schachern läßt«. Jetzt werde auch den größten Optimisten klar, »der 
Atomausstieg ist eine Lüge«, sagte Ochse. 

»SPD und Grüne haben mit ihrer Entscheidung zu Obrigheim demonstriert, 
daß der Atomausstieg nur auf dem Papier steht. In der Realität dürfen 
selbst Schrottreaktoren am Netz bleiben, wenn es der Kanzler so will«, 
kommentierte Bettina Dannheim, Energiereferentin von ROBIN WOOD, gestern 
den Deal. »Auch unter Rot-Grün steht die Wirtschaftlichkeit einer 
Atomanlage höher im Kurs als deren Sicherheit.« 

Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) hatte am Montag abend 
verkündet, daß der Meiler in Obrigheim zwei Jahre länger als im 
sogenannten Atomkonsens geplant am Netz bleiben darf. Dem Abkommen 
zufolge hätte der Betreiber Energie Baden-Württemberg (EnBW) den Reaktor 
eigentlich Ende dieses Jahres vom Netz nehmen müssen. Das Unternehmen 
beantragte jedoch eine Laufzeitverlängerung um fünfeinhalb Jahre und 
berief sich dabei auf eine – offenbar auch wirklich erteilte – Zusage von 
Bundeskanzler Gerhard Schröder. EnBW wollte sich 15,5 Terrawattstunden 
Strom aus dem AKW Neckarwestheim auf Obrigheim gutschreiben lassen. 

Beim Atomkonsens waren für die 19 deutschen AKW keine Laufzeiten, sondern 
Reststrommengen vereinbart worden, die jedes Kraftwerk bis zu seiner 
Abschaltung produzieren darf. Das Abkommen erlaubt es den Betreibern, 
Strommengen von älteren auf neuere und von kleineren auf größere Anlagen 
zu übertragen. Für das von EnBW beantragte geplante Verfahren – die 
Verschiebung von Strommengen vom wesentlich jüngeren und größeren AKW 
Neckarwestheim auf das alte und kleine AKW Obrigheim – war eine 
Sondervereinbarung zwischen dem Unternehmen und der Bundesregierung 
notwendig. 

Nach Angaben Trittins hat das Ministerium »EnBW zu diesem Antrag mündlich 
und schriftlich angehört«. Nach Rücksprache mit dem Bundeskanzleramt 
stimmte der Umweltminister dem Antrag zu. Mit zwei Einschränkungen: So 
darf EnBW statt 15 lediglich 5,5 Terrawattstunden übertragen, diese Menge 
entspricht einer Laufzeitverlängerung von mindestens zwei Jahren. 
Außerdem soll die Strommengenübertragung nicht vom AKW Neckarwestheim 2, 
sondern von dem wesentlich älteren Block 1 des AKW Philippsburg erfolgen. 
»Mit dieser Entscheidung steht fest, daß das AKW Obrigheim in dieser 
Wahlperiode endgültig abgeschaltet wird«, so Trittin. 

Umweltschützer vermuten hinter dem ganzen Vorgang ein gezieltes Test-
Manöver der Stromwirtschaft. Die Kraftwerksbetreiber könnten künftig 
Stromkontingente zwischen ihren Kraftwerken hin- und herschieben, um ihre 
alten Meiler mit ähnlichen Anträgen über die Regierungsszeit von SPD und 
Grünen hinaus zu retten und später den Atomkonsens mit einer noch 
atomfreundlicheren Regierung ganz aufzukündigen. Greenpeace spricht in 
diesem Zusammenhang von einem »Terrawattbasar«. 

Das älteste bundesdeutsche AKW Obrigheim hat eine Leistung von 340 
Megawatt und nahm am 1. April 1969 seinen Betrieb auf. Da ursprünglich 
als Demonstrationsanlage konzipiert, wurde der Reaktor mehrfach 
nachgerüstet. Gefahren sehen Experten insbesondere in der Versprödung des 
Druckbehälters durch die Schweißnähte. Die Betonhülle des Reaktors ist 
lediglich 70 Zentimeter dick. In einem Ranking des Risikos west- und 
osteuropäischer Kernkraftwerke stuft das österreichische Ökologie-
Institut das AKW Obrigheim mit acht von 13 möglichen Mängelpunkten in die 
Reihe der risikoreicheren Kernkraftwerke der Welt ein.