Taz: "Sie sind uns als Störer aufgefallen"
Taz, 21.10.02
> "Sie sind uns als Störer aufgefallen"
Mit rechtlich umstrittenen Briefen versuchte die Brandenburger Polizei
Atomkraftgegner von Protesten abzuhalten. Grundlage sind fragwürdige
Personendateien. Deren Einrichtung hat die Innenministerkonferenz
beschlossen
Im Mai 2001, als ein Castor-Transport aus dem brandenburgischen
Rheinsberg nach Lubmin anstand, bekam der Berliner Medizinstudent Jochen
Sommer* Post vom Polizeipräsidium Oranienburg. Man wende sich an ihn, da
er als Störer aufgefallen sei, hieß es in dem Brief. Das Schreiben endet
mit dem Hinweis, dass "alle polizeirechtlich zulässigen Maßnahmen
durchgesetzt werden, um die öffentliche Sicherheit und Ordnung im
Zusammenhang mit dem Castor-Transport zu gewährleisten".
Atomkraftkritiker Sommer war einigermaßen überrascht von dem Brief.
Schließlich war er noch nie in Oranienburg gewesen - dafür allerdings
zwei Monat zuvor in Gorleben. Dort hatte er sich während eines Castor-
Transportes mit einem Fahrradschloss an ein Gleis gekettet. Nachdem die
Polizei ihn befreit hatte, hatte er jedoch nichts mehr von der Sache
gehört. Erst im September 2001 teilte ihm das Landgericht Lüneburg mit,
er sei angeklagt. Später wurde das Verfahren gegen ein Bußgeld von 300
Euro eingestellt.
Die Vorabinformation über den nicht verurteilten Gorleben-Besucher hatte
die Brandenburger Polizei offensichtlich über eigens eingerichtete
Computerdateien erhalten. Kurz zuvor, im November 2000, hatten die
Innenminister den Aufbau solcher Dateien für "politisch motivierte
Gewalttäter" beschlossen. In den Ausführungsbestimmungen dazu werden
Aufnahmekriterien genannt, darunter Delikte wie "Widerstand gegen
Vollstreckungsbeamte" oder "Verstoß gegen das Versammlungsgesetz". Die
Vergehen werden explizit auch im Zusammenhang mit "Nukleartransporten"
genannt.
Auf der Grundlage dieser Dateien wurden im Vorfeld des Rheinsberg-Castors
so genannte Gefährder-Ansprachen gemacht. Die hält die Hamburger Anwältin
Ulrike Donat für "rechtsstaatlich höchst bedenklich". Der Juristin der BI
Lüchow-Dannenberg waren im Zusammenhang mit Castor-Transporten bisher
Meldeauflagen, aber keine Gefährder-Ansprachen bekannt. Sie kritisiert,
dass man in die "Gewalttäter links"-Datei und eine ältere "Anticastor"-
Datei bereits bei vermuteter "Szenezugehörigkeit" eingetragen werden
könne. "Es reicht aus, dreimal einen Infostand anzumelden, um in die
Kartei zu geraten."
Heiko Homburg, Sprecher des brandenburgischen Innenministers Jörg
Schönbohm (CDU), verteidigt das Vorgehen beim Rheinsberg-Castor. Die
Brandenburger Polizei habe sich damals mit ihren Berliner Kollegen
abgestimmt. Die Gefährder-Ansprachen seien nur an eine sehr kleine Gruppe
von Leuten ergangen. "Der gesetzestreue, rechtschaffene Bürger wird
niemals in Kontakt mit solchen Maßnahmen kommen", prophezeit Homburg.
Für Sommer ist klar, dass er sich auch in Zukunft von so einer Rhetorik
nicht einschüchtern lässt. Er will nicht hinnehmen, dass friedlicher
Protest als gewalttätig dargestellt wird. Eigentlich ist Sommer auch
ziemlich unzufrieden mit der Berichterstattung über Castor-Proteste und
er ist vorsichtig geworden im Umgang mit der Presse. Jetzt erzählt er
seine Geschichte allerdings, damit sich möglichst viele Leute beim
Gorleben-Castor querstellen. Er selbst werde "auf jeden Fall wieder
versuchen, zu blockieren, aber diesmal stelle ich mich cleverer dabei
an".
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* Name von der Redaktion
geändert