M.M.: Goll trollt von dannen, Claassen soll's richten
Manager Magazin, 25.10.02
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> Goll trollt von dannen, Claassen soll's richten
Von Martin Scheele
Mit neuem Führungspersonal versucht der Energiekonzern aus der Krise zu
kommen. Anstelle des glücklosen Vorstandschef Gerhard Groll ist jetzt Utz
Claassen berufen worden. Zwei Männer, viele Geschichten.
Karlsruhe – Gut fünf Jahre ist es her, dass Energie Baden-Württemberg
(EnBW) gegründet wurde. Über die turbulente Geschichte des drittgrößten
deutschen Energieunternehmen lässt sich seitdem leicht ein dickes Buch
verfassen. Besonders viel Stoff ist dieses Jahr zusammengekommen. Allein
beim Thema Personal.
Aktueller Höhepunkt: Für den stark in Kritik geratenen Gerhard Goll (60)
ist endlich ein Nachfolger gefunden worden - die Suche zog sich über ein
knappes halbes Jahr hin. Ab Mai kommenden Jahres soll der 39 Jahre alte
Utz Claassen, derzeit Chef bei der Sartorius AG (Göttingen), auf dem EnBW-
Vorstandssessel Platz nehmen. Der EnBW-Aufsichtsrat hat sein Plazet
gegeben.
Goll wie Claassen haben eins gemeinsam: Über sie ist viel geschrieben
worden. Nicht immer positiv. An der Person Goll und seinem Wirken bei
EnBW hat sich viel Kritik entzündet. Obwohl der Mann wie ein Tier
gearbeitet hat – ein 15-Stunden-Tag ist für ihn selbstverständlich – hat
er sich nach Einschätzung von Branchenexperten heftige Schnitzer
geleistet.
Was wollte er mit Salamander?
Dem ehemaligen CDU-Politiker wird im Bereich des Stammgeschäfts das
schlechte Krisenmanagement beim Störfall im Atomkraftwerk Philippsburg im
Herbst 2001 angekreidet. Kritiker werfen dem Schwaben zudem vor, die
Beteiligung an den Stadtwerken Düsseldorf viel zu teuer eingekauft zu
haben. Rund 430 Millionen Euro zahlte EnBW für den Nahversorger, um in
Nordrhein-Westfalen, dem Stammland des Erzrivalen RWE, Fuß zu fassen.
Ein noch größeres Desaster stellt Golls Beteiligungspolitik außerhalb des
Stromgeschäfts dar. So stieg der Energieversorger beim Schuh- und
Dienstleistungskonzern Salamander ein und übernahm die Mehrheit am
Stuttgarter Telekom-Unternehmen Tesion. Beide Engagements belasten die
Bilanz der EnBW.
Im April dieses Jahres musste Goll eingestehen, was von vornherein klar
war: "Mit unseren Töchtern Tesion und Salamander haben wir keine
Kundensynergie erreicht." Ärgerlich auch der rekordverdächtige
Personalaustausch in den Vorstandsämtern. Allein in den vergangenen acht
Monaten sind vier von sechs Posten in der Chefetage neu besetzt worden.
Und Utz Claassen? Eigentlich hat er bislang eine Bilderbuchkarriere
hingelegt. Oxford, McKinsey, Ford, VW, Seat-Vorstand hießen die
Stationen. Und natürlich die Satorius AG, der er seit 1997 vorstand. Das
damals bei minimalem Gewinn stagnierende Unternehmen der "Wäge- und
Separationstechnik" forstete Claassen gründlich auf. Eine seine ersten
Amtshandlungen: Er warf er die alte Führungsriege raus.
Inzwischen spricht man bei Sartorius lieber von "Mechatronik und
Biotechnologie". Umsatz und Gewinn sind stark gestiegen. Ein halbes
Dutzend Unternehmen wurde gekauft, die Produktpalette erweitert. Bis vor
einem Jahr war die Bilanz makellos.
Kehrseiten des ehrgeizigen Wachstums
Doch dann zeigten sich die Kehrseiten des ehrgeizigen Wachstums. Die
Produktion wurde mit der Auftragsflut nicht fertig, die Ausschussquote
stieg, hohe Investitionen belasteten die Bilanz, Zukäufe mussten saniert
werden. Seit Anfang des Jahres greift der Sanierungsplan und das
Unternehmen kommt langsam wieder in die Gänge.
Nicht zu vergessen ist Claassen Station als Präsident beim im Jahre 1997
krisengeschüttelten Fußballclub Hannover 96. Länger als zwei Monate war
er allerdings nicht im Amt. Mit seiner Managerart der schonungslose
Analyse und harte Sanierung kam er nicht an. Seine Kritiker arbeiteten
mit schlimmen Mitteln: Er erhielt mehrfach Morddrohungen.
So unerträglich dürfte es bei EnBW wohl kaum für ihn werden - ob seine
harte Managerart aber ankommt, ist nicht sicher.