Stuttgarter Zeitung, 29.05.1998
Stromversorger im Land gestehen
Fehler ein
Pressekonferenz in Stuttgart: Volles Verständnis
für die
Sorgen der Bevölkerung - ¸¸Wir werden
nicht mit
diesem Phänomen leben''
Von unserem Redakteur Klaus Zintz
STUTTGART. Die baden-württembergischen
Stromversorger haben Fehler im Zusammenhang mit
überhöhten Strahlenwerten bei Atomtransporten
eingeräumt
und zugleich Verbesserungen angekündigt. ¸¸Ich
habe volles
Verständnis für die Beunruhigung in der Bevölkerung,
volles
Verständnis, daß weitere Schritte von uns erwartet
werden,
volles Verständnis für die Reaktionen in den
letzten Tagen auf
allen Ebenen, auch auf der politischen Ebene'', sagte
Gerhard
Goll, Vorstandsvorsitzender der Energie
Baden-Württemberg (EnBW) gestern auf einer
Pressekonferenz in Stuttgart. Zugleich kündigte er
an, daß die
Kommunikation innerhalb der Kernkraftwerke und mit den
Behörden verbessert werden soll. Außerdem versprach
er
Abhilfe bei den Transporten: ¸¸Wir werden
nicht mit diesem
Phänomen leben.''
Das ¸¸Phänomen'', wie das Problem der
überhöhten
Strahlenwerte von den Kernkraftwerksbetreibern mittlerweile
genannt wird, bereitet der Branche nach wie vor große
Probleme. Die möglichen Ursachen erläuterte
Klaus Kasper,
der Vorsitzende der Geschäftsführung der
EnBW-Kraftwerke, unter deren Dach seit Jahresanfang die
früher zu Badenwerk und Energie-Versorgung Schwaben
gehörenden Stromerzeuger gebündelt sind. Nach
seinen
Ausführungen gelten winzige strahlende Partikel als
Hauptursache für die Verunreinigung. Die kobalthaltigen
Partikel bleiben beim Beladen der Transportbehälter
mit
abgebrannten Brennelementen an der Außenhülle
hängen,
setzen sich in Spalten fest und kommen später wieder
an die
Oberfläche. Zwar wurden, so versicherte Klaus Kasper
vor
der Presse, die Behälter sorgfältig gereinigt.
Es könnten
jedoch Spuren von schwach radioaktiv belastetem Wasser
beispielsweise unter der Dichtungsmanschette der Haube
haften geblieben sein, mit der die Kühlrippen des
Behälters
während des Beladevorgangs im Wasserbecken des
Kernkraftwerks abgedeckt sind. Besonders exponiert seien
die Tragezapfen, an denen die schweren Behälter zum
Transport in die Halterungen gehängt werden. Diese
angeschweißten Zapfen könnten sich beim Anheben
geringfügig verformen, so daß verstärkt
Partikel in die
winzigen Spalten eindringen könnten und später
wieder nach
und nach die Oberfläche wandern würden. Dafür
spreche
auch, daß 80 Prozent der Strahlenbelastungen in
den
Bodenwannen der Transportwaggons im Bereich des
vorderen Tragebocks gefunden wurden, wo die Behälter
abgesetzt und angehoben werden. Offenbar hänge die
Verunreinigung aber auch vom Behältertyp ab, in dem
die
Brennelemente transportiert würden. Hier könne
man erst
dann Näheres sagen, wenn die Protokolle der französischen
Wiederaufarbeitungsfirma Cogema vorlägen und ausgewertet
worden seien.
Kasper räumte erneut ein, daß dieses Transportproblem
unter
Fachleuten schon länger bekannt gewesen sei - die
Unternehmensleitungen hätten jedoch nichts davon
gewußt. Er
betonte mehrfach, daß es ein Fehler gewesen sei,
daß die
Transportfachleute in den Kraftwerken Hinweise auf die
Grenzwertüberschreitungen nicht an die Unternehmensführung
weitergegeben hätten. Auch wäre es klug gewesen,
diese
Probleme mit den Behörden zu diskutieren.
Als Abhilfe soll nun rasch ein angemessenes
Informationssystem unter Einbeziehung der Franzosen
aufgebaut werden. Dieses System werde sicherstellen, daß
entsprechende Berichte auch an die Unternehmensleitungen
und die zuständigen Behörden gingen. Außerdem
werde man
die Behälter mit noch mehr Sorgfalt reinigen und
auch nach
anderen Maßnahmen suchen, die Verunreinigungen zu
beseitigen. Die zehn Punkte, die Umweltministerin Angela
Merkel in ihrem Forderungskatalog an die Energiewirtschaft
genannt hat, seien eine sehr gute Basis für die zukünftige
Zusammenarbeit.
© 1998 Stuttgarter Zeitung, Germany
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