Ludwigsburger Kreiszeitung, 27.02.98
Rudoff warnt vor einem ,,Atomstaat"
Kurz vor nächstem Castor-Transport klagt Abgeordnete gegen
Land
Freiberg - (pro) Es geht ihr nicht um ihre Abgeordnetenrechte. Christine
Rudolf strebt ein Urteil mit Signalwirkung an: ,,Völlig friedliche"
Menschen dürften ,,nicht einfach von der Straße weg festgenommen
werden, weil die Polizei einen Castor-Zug zu bewachen hat", sagt die SPD-Politikerin.
Just das war der Landtagsabgeordneten aus Freiberg am 3. März vorigen
Jahres um 3.30 Uhr pas-siert: Als sie die Vorbereitungen auf den Abtransport
von sechs Castor-Behältern aus dem Kraftwerk Walheim nach Gorleben
beobachtete, wurde sie - wie Dutzende andere in jener Nacht festgenommen
und mehrere Stunden lang in Polizeigewahrsam gehalten. Und zwar ohne daß
sie eine Straftat oder Ord-nungswidrigkeit begangen hätte, wie ihr
Landes-Innenminster Tho-mas Schäuble (CDU) bereits im Juni 1997 nach
einer parlamentari-sche Anfrage der ,,Republikaner" bescheinigte. Hätte
die Polizei ge-wußt, daß sie ein Mitglied des Landtags festgesetzt
hatte, wäre Christine Rudolf sofort freigelassen worden, so Schäuble
damals.
Doch nicht die Verletzung ihrer Abgeordnetenrechte hat die Parla-mentarierin
dazu veranlaßt, gegen das Land zu klagen. Sie habe nach ihrer Festnahme
sogar bewußt darauf verzichtet, sich den Ordnungskräften als
Abgeordnete zu offen-baren, weil die Polizei in der Nacht zum 3. März
ihre zuvor mit dem ,,Aktionsbündnis Castor-Wider-stand" verabredete
,,Deeskalationslinie" aufgegeben und ,,wahllos" Demonstranten eingesperrt
habe. Am Tag nach ihrer Verhaf-tung hatte Rudolf das Vorgehen der Polizei
der LKZ gegenüber sogar als ,,Menschenjagd" bezeichnet.
Ein Vorwurf, mit dem sich am 9. März das Stuttgarter Verwaltungsgericht
zu befassen haben wird, vor dem Rudolfs Klage wegen dieser ,,Überreaktiön
des Staates" verhandelt wird. Dabei, hofft Rudolf, werden die Richter feststellen,
daß die Polizei mit der Ingewahrsam-nahme unangemessen reagiert und
folglich rechtswidrig gehandelt hat. Denn Polizeigewahrsam, so der SPD-Rechtspolitiker,
Abstatter, Landesparlamentarier und Rudolf--Anwalt Wolfgang Bebber; sei
nur erlaubt, wenn eine Siörung der öffentlichen Sicherheit und
Ordnung anders nicht zu verhindern sei.
Für Christine Rudolf ist das massive Eingreifen der Polizei denn
auch ein Indiz dafür; daß Warnun-gen vor einem Atomstaat ernstzu-nehmen
seien, der jenen Rechts-staat ,,aushebeln" könnte, den sie jetzt anruft.
Döch nicht nur deshalb ist der bevorstehende Prozeß bei dem
noch weitere Klagen gegen das Land verhandelt werden und der Stuttgarter
Grünen-Bundestagsabgeordnete Rezzo Schlauch als Zeu-ge auftreten soll,
politisch brisant:
Nur Tage nach der Verhandlung mit möglichem Ortstermin in Wal-heim
wird dort in der zweiten Märzhälfte der nächste Castor-Transport
aus dem Neckarwesthei-mer Atommeiler GKN auf die Schiene gesetzt. Rudolf
befürchtet, daß es dann erneut Einschränkungen der Versammlungsfreiheit
geben wird. Für die SPD -Politikerin, die wieder vor Ort sein will,
ein Unding: Der friedliche Protest ge-gen ,,die unsinnigen Atomtransporte"
dürfe nicht durch eine übereifrige Polizei beseitigt werden.
Ob's in und um Neckarwestheim auf Demonstrantenseite aber noch-mals
so friedlich bleibt wie 1997 steht dahin: Die Atomkraftgegner wollen keine
Deeskalationsgespräche mit der Polizei mehr führen. Wohl auch,
weil die vor Jahresfrist aus ihrer Sicht Absprachen brach.
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