Stuttgarter Nachrichten, 23.09.1999
Den Kernkraftwerken im Land geht die Luft aus
Atomkraftgegner erwarten baldige Castor-Transporte
Stuttgart - Das Obrigheimer Zwischenlager ist seit Montag in Betrieb,
der
Atomreaktor damit unabhängig von Castor-Transporten. Den übrigen
Meilern
drohen jedoch schon in wenigen Monaten Einschränkungen, falls
das
Transportverbot bestehen bleibt.
VON ARNOLD RIEGER
Schon für Mai 2000 rechnet man im Neckarwestheimer
Gemeinschaftskraftwerk (GKN) mit ersten Einschränkungen bei der
Stromproduktion von Block I, falls die abgebrannten Brennelemente
nicht zur Zwischenlagerung nach Gorleben/Ahaus oder zur
Wiederaufarbeitung ins Ausland gebracht werden können. 2001 sei
die
Lagerkapazität ganz erschöpft, so ein Kraftwerkssprecher.
Einem
Papier des Bundesumweltministeriums zufolge sollen die Abklingbecken
sogar
schon Mitte 2000 voll sein.
In Philippsburg I und II ist die Lage trotz der wechselseitigen
Nutzung der Kapazitäten ähnlich. Das Lager von Block I ist
Mitte 2000
gefüllt, in Block II ist noch für ein weiteres Jahr Platz.
Mittelfristig
planen zwar auch Philippsburg und Neckarwestheim die Errichtung von
externen Zwischenlagern wie in Obrigheim, kurzfristig bietet aber nur
der
Transport von Brennelementen in Castorbehältern Erleichterung.
Mit großer Aufmerksamkeit wurden deshalb von Kraftwerksbetreibern
wie
Atomkraftgegnern die Gesprächsergebnisse vom vergangenen Freitag
verfolgt,
als Bundesumweltminister Jürgen Trittin mit den Vertretern von
vier
Energieunternehmen verhandelt hatte. Die ¸¸Süddeutsche
Zeitung'' berichtet
von einem Papier aus dem Hause Trittin, in dem Castor-Transporte nach
Ahaus oder Gorleben als ¸¸grundsätzlich möglich''
bezeichnet werden. Das
dafür nötige Sicherheitsgutachten wird bis November erwartet,
das
Gutachten für den Transport zur Wiederaufarbeitung liegt bereits
seit Juli
vor. Noch seien aber nicht alle Auflagen von den Betreibern erfüllt,
heißt
es.
Das Aktionsbündnis Castor-Widerstand Neckarwestheim wertet Trittins
Äußerungen vom Wochenende als Signal, dass bereits im Januar
wieder
die ersten Transporte von Neckarwestheim nach Ahaus rollen können.
Die Atomkraftgegner kündigen deshalb ¸¸geballten Widerstand''
an.
Laut ¸¸Rheinpfalz'' drohen auch mehrere Abgeordnete der
Grünen mit
Blockaden, falls der Stopp der Atomtransporte in Deutschland
aufgehoben wird. ¸¸Wir mobilisieren gegen jeden Castor-Transport,
wenn der Ausstieg nicht geregelt ist'', heißt es demnach in einem
internen Positionspapier von Grünen-Umweltexperten.
Das Atomkraftwerk Obrigheim nahm unterdessen am Montag sein externes
Zwischenlager für Brennelemente in Betrieb, das den Reaktor theoretisch
bis zum Jahr 2030 von Castor-Transporten unabhängig macht. Es
ist das
einzige Depot dieser Art in Deutschland. Bereits am Montag wurden vier
Brennelemente eingelagert, in den kommenden Monaten sollen weitere
80
Brennstäbe folgen.
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