Berliner Zeitung 16.9.99
Umweltminister Trittin rechnet mit Atomtransport im
Januar
Fahrt soll von Neckarwestheim nach Ahaus gehen
Christian Schwägerl
BERLIN, 15. September. Bundesumweltminister Jürgen Trittin
(Grüne) rechnet damit, dass es bereits im Januar 2000 einen
Atommülltransport aus dem Kernkraftwerk Neckarwestheim in das
Zwischenlager Ahaus geben wird. Der Stopp aller
Atommülltransporte, der seit Mai 1998 gilt, muss nach
Einschätzung Trittins in Kürze aufgehoben werden.
In Beratungen warnt Trittin Parteifreunde, die Energiekonzerne
hätten nahezu alle Anforderungen erfüllt, um neuerliche
radioaktive Verschmutzungen der Atommüll-Behälter zu vermeiden.
Obwohl er die Zahl der Atommüllfahrten klein halten wolle, komme
er am Rechtsanspruch der Unternehmen auf Transporte nicht vorbei.
Das baden-württembergische Kraftwerk Neckarwestheim zählt
zu den
vier Atomanlagen, bei denen der Abtransport alter Brennstäbe nach
Betreiberangaben besonders dringlich ist.
Der Transport von sechs Castor-Behältern in das nordrhein-
westfälische Ahaus wird der erste seit eineinhalb Jahren sein
und
die rot-grüne Bundesregierung vor eine neue Belastungsprobe in
der Atompolitik stellen. Zum ersten Mal muss ein Umweltminister
der Grünen einen Transport gegen den Protest von Atomkraftgegnern
durchsetzen. Als Oppositionspartei hatten die Grünen den Protest
mitorganisiert. Für die Sicherung der Fahrt nach Ahaus ist die
rot-grüne Landesregierung von Nordrhein-Westfalen zuständig.
Vor
Ort wird ein Polizeipräsident den Einsatz leiten, der Mitglied
der Grünen ist. Zusätzliche Brisanz hat der Transport, weil
im
Mai 2000 in Nordrhein-Westfalen Landtagswahlen stattfinden.
Kein regierungsinterner Konsens
Im Mai 1998 hatte die damalige Bundesumweltministerin Angela
Merkel (CDU) alle Atomtransporte unterbunden, weil radioaktive
Verschmutzungen auf Containern bekannt geworden waren. Die
Konzerne hatten Trittin in den vergangenen Monaten vorgeworfen,
die Klärung des Strahlenskandals absichtlich hinauszuzögern.
Der
Umweltminister verwies auf umfangreiche Prüfungen, die nötig
seien, um gesundheitliche Gefahren auszuschließen. Der Streit
hatte die Konsensgespräche über den Atomausstieg belastet.
Eine regierungsinterne Einigung über den weiteren Kurs in der
Atompolitik ist auch nach einem Treffen der zuständigen
Staatssekretäre am Dienstag nicht in Sicht. Die Staatssekretäre
vertagten sich nach kurzer Beratung auf Ende September.
Ursprünglich war vorgesehen, dass die Ressorts Umwelt,
Wirtschaft, Justiz und Innen bis zum 30. September einen Bericht
vorlegen, ob ein gesetzlich verordneter Ausstieg gegen den Willen
der Stromkonzerne möglich ist. Sowohl das Wirtschafts- als auch
das Umweltministerium gehen inzwischen davon aus, dass bis zu
diesem Termin keine Einigung zwischen den Ressorts zu Stande
kommt. Zahlreiche Fragen seien noch offen, etwa, ob die
Gesundheitsgefahr durch Atomanlagen einen Eingriff in das
Eigentum der Konzerne rechtfertigen könnte.