Stuttgarter Zeitung, 4.8.99
Streit um die Macht über die Meiler
"Atomdörfer" leisten Widerstand gegen das Zwischenlager und
die Stuttgarter Regierung
HEILBRONN. Rund ums Gemeinschafts-kernkraftwerk Neckar (GKN) gärt
es unter den Kommunalpolitikern. Sie sind empört über die Pläne
der Bundesregierung und das Verhalten von Wirtschaftsminister Walter Döring~
Von Wieland Schmid
"Wir wollen hier kein Zwischenlager", sagt der Neckarwestheimer Bürgermeister
Mario Dürr und spricht damit den meisten Kommunalpolitikern im Unterland
aus dem Herzen. Die Gemeinden Neckarwestheim und Gemmrigheim sowie der
Gemeindeverwaltungsverband Besigheim haben sich deshalb jetzt zusammengetan,
um die Chancen eines juristischen Widerstands auszuloten: In ihrem Auftrag
prüft der Stuttgarter Rechtsanwalt 'Hans-Iörg Birk derzeit, was
die Kommunen gegen die Pläne der Bundesregierung ausrichten können.
Ob der erfahrene Rechtsprofessor eine Erfolg versprechende juristische
Strategie ausarbeiten kann, ist noch offen; Fest steht allerdings schon,
dass die "Atomdörfer" im Unterland auch auf die Stuttgarter Regierung
nicht mehr gut zu sprechen sind.
Früher, so erinnert sich der Neckarwestheimer Bürgermeister
Mario Dürr, habe es nie Probleme gegeben. Obwohl die Markungsgrenzen
der Kommunen Neckarwestheim und Gemmrigheim direkt durchs Betriebsgelände
des Gemeinschaftskernkraftwerks Neckar verlaufen, wurden laut Dürr
"Baugenehmigungsverfahren immer mit der Beteiligung beider Gemeinden durchgeführt".
Das hat sich inzwischen offenbar geändert.
Seit im GKN ein oberirdischer "Parkplatz" für sechs Castor-Behälter
und ein unterirdisches Zwischenlager für 160 Behälter mit ausgemusterten
Brennstäben geplant werden, werden die Neckarwestheimer nicht mehr
gefragt. Nachdem der Gemeinderat sein Einverständnis zu dem Parkplatz
verweigert hatte, wurden die Kommunalpolitiker von Wirtschaftsminister
Walter Döring (FDP) eines Besseren belehrt. "Ich kann Ihre Auffassung
nicht teilen, dass die Gemeinde Neckarwestheim bei jedem baurechtlich relevanten
Vorhaben der GKN GmbH ihr Einvernehmen erteilen müsse", schrieb der
Stuttgarter Minister und pochte aufs Gesetz. Ob oberirdisch oder unterirdisch:
die Castor-Behälter im GKN werden alle auf Gemrnrigheimer Grund verstaut.
Deshalb gebe es, so beschied Döring die Neckarwestheimer, "keinen
Raum für eine Beteiligung in Gestalt des Einvernehmens".
Die Standortgemeinde, deren Markungsgrenze mitten durch Block 1 geht,
will sich damit allerdings nicht zufrieden geben. "Ich halte es für
eine Unverschämtheit, wie Döring mit öffentlichen Gremien
umgeht", zürnt Bürgermeister Dürr und pocht darauf, dass
"die Gemeindeverwaltung für alle Bauvorhaben, die das GKN betreffen,
zuständig ist". Denn im Rathaus wird das Kernkraftwerk als "Gesamtanlage
im baurechtlichen Sinn" betrachtet. Allein schon deshalb vertreten Bürgermeister
und Gemeinderäte die Ansicht, dass "bei Bauvorhaben, egal auf welcher
Markung, immer beide Markungsgemeinden zu hören sind".
Nach Ansicht der Neckarwestheimer Räte hat das Wirtschaftsministerium
eine "seit 20 Jahren geübte Rechtspraxis plötzlich und grundlegend"
geändert. Immerhin sei in dieser Zeit auch für GKN-Projekte auf
Gemmrigheimer Gemarkung "regelmäßig das Einvernehmen der Gemeinde
Neckarwestheim eingeholt" worden. Darüber hinaus erinnert Bürgermeister
Dürr den Stuttgarter Wirtschaftsminister schriftlich daran, dass auf
diese Weise "sämtliche bestehenden Genehmigungen efnschließlich
der atomrechtlichen für den Betrieb der Blöcke 1 und II ohne
Widerspruch Ihres Ministeriums oder des Umweltministeriums durchgeführt
wurden". Die Erkenntnis, dass ihre eifrige Zustimmung zu sämtlichen
Genehmigungsverfahren auf dem GKN-Gelände zumindest teilweise überflüssig
war, ist für die Neckarwestheimer schwer zu verkraften. Jetzt hoffen
sie darauf, dass wenigstens der Widerstand des Gemmrigheimer Gemeinderats
gegen einen Castor-Stellplatz und ein Zwischenlager mehr Gehör findet.
"Vielleicht können wir Verfassungsklage erheben', meint Bürgermeister
Dürr. Aber da ist der Stuttgarter Rechtsanwalt Birk skeptisch. Der
Jurist hat schon für zahlreiche Gemeinden erfolgreich gestritten und
dabei die Erfahrung gemacht, dass "Kommunen irgendwann auch mit Streiten
aufhören müssen".