Aktionsbündnis CASTOR-Widerstand Neckarwestheim 
Jetzt geht die Angst vor dem Atommüll um
    Stuttgarter Nachrichten, 18.06.99
     

    Jetzt geht die Angst vor dem Atommüll um


       GKN-Standortgemeinden lehnen Zwischenlager im
       Tunnel ab - 40 Jahre sind eine Ewigkeit

       Neckarwestheim - Monika Tummescheit schwankt zwischen
       Ohnmacht und Wut. ¸¸Das wird einen heißen Herbst geben'',
       verspricht die Bürgermeisterin der Gemeinde Gemmrigheim. Ihr
       Neckarwestheimer Amtskollege Mario Dürr fürchtet
       fatalistisch: ¸¸Wir sind sowieso die Gelackmeierten.''

       VON GÜNTHER JUNGNICKL

       Endzeitstimmung bei den Standortgemeinden des
       Gemeinschaftskernkraftwerks Neckar (GKN)? Der Antrag auf
       Genehmigung eines Trockenlagers für 160 Castor-Behälter voll
       atomaren Mülls hat den bisherigen Nutznießern aus den
       Geschäftserfolgen des Stromriesen den sicheren Boden
       entzogen. Jetzt geht die Angst um in den Weinbergen südlich
       von Heilbronn.

       Denn mindestens 40 Jahre lang sollen die Castoren 15 Meter
       unter der Erde in zwei 140 Meter langen Tunnelröhren ruhen,
       die in den Muschelkalk getrieben werden. Danach sollen die
       160 Behälter in ein nationales Endlager kommen. ¸¸Machen wir
       uns nichts vor, das wird hier ein Endlager'', versichert Monika
       Tummescheit düster. Zumindest für die gegenwärtige
       Generation.

       In den beiden Rathäusern sind die Verursacher des Dilemmas
       ebenso rasch ausgemacht wie in der Führungsetage des GKN.
       Verwaltungsgeschäftsführer Hans Wiedenmann versichert
       jedoch: ¸¸Wir halten den von der Bundesregierung geplanten
       Ausstieg aus der Atomenergie zwar für verfehlt, aber wir fügen
       uns natürlich den Entscheidungen der demokratisch gewählten
       Regierung.'' Allerdings müßten die Verträge zur Entsorgung
       noch erfüllt werden. Weshalb auch die vereinbarten
       Castor-Transporte zur britischen Wiederaufbereitungsanlage
       nach Sellafield und nach Ahaus zum Jahreswechsel sicher sein
       müßten. Anderenfalls könnte GKN I schon im kommenden
       Frühjahr nicht mehr voll beladen werden, und im Sommer
       2001 wäre für beide Atommeiler Feierabend. Dann sind im
       Abklingbecken keine Stellplätze mehr vorhanden.

       Eine derartige ¸¸Abschaltung auf kaltem Weg'' habe der
       Minister (dessen Namen nicht ein einziges Mal über
       Wiedenmanns Lippen kommt, nämlich Bundesumweltminister
       Jürgen Trittin) im Konsensgespräch mit der Stromwirtschaft
       ausdrücklich verneint. Andererseits ist er aber offensichtliche
       überhaupt nicht gewillt, die Transporte von sechs
       Castor-Behältern im Dezember/Januar zu genehmigen.
       Wiedenmanns Hoffnungsschimmer: Auch Bundeskanzler
       Gerhard Schröder habe schließlich der ¸¸Verstopfungsstrategie''
       bereits öffentlich eine klare Absage erteilt.

       Neckarwestheims Bürgermeister Mario Dürr pocht ebenfalls
       auf diese Transporte, aber genauso energisch lehnt er das
       Zwischenlager auf heimischer Markung dicht am Neckar ab.
       Der streitbare Schultes will alle juristischen Möglichkeiten
       nutzen, um die Atommüll-Tunnel zu verhindern. So wie er seit
       dem Frühjahr mit Baden-Württembergs Wirtschaftsminister
       Walter Döring wegen eines zunächst vorgesehenen
       oberirdischen Stellplatzes für Castor-Behälter im Clinch liegt.
       Der war der Auffassung, daß die Standortgemeinde für ein
       solches Baugenehmigungsverfahren ¸¸nicht zuständig'' sei.
       ¸¸Zwangsverpflichtung'' nennt Dürr diese Vorgehensweise. Er
       befürchtet wie Amtskollegin Tummescheit, daß das beim
       Zwischenlager genauso gehandhabt wird.

       Aber auch die beiden jetzt geplanten Stollen für das
       Zwischenlager im Fels unmittelbar neben dem
       GKN-Verwaltungsgebäude wären kurzfristige nicht verfügbar.
       Wiedenmann und sein Technischer Geschäftsführer Werner
       Zaiss rechnen mit einem langwierigen Genehmigungsverfahren
       und zahlreichen Einsprüchen. Das nicht nur durch die
       Gemeinderäte in Gemmrigheim und Neckarwestheim, sondern
       auch durch die geballte Anti-Atomkraft-Bewegung. Somit
       könnte in vier bis fünf Jahren mit der Fertigstellung gerechnet
       werden, meint Hans Wiedenmann.
                                         
                © 1999 Stuttgarter Nachrichten, Germany 


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