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Anti-Atom-Bewegung probt die Apo-Rolle in Heidelberg
    FR, 12.4.99

    Rot-Grün? - Schlimmer als Kohl
     

    Anti-Atom-Bewegung probt die Apo-Rolle in Heidelberg


                       Von Peter Henkel (Heidelberg)

    In Bonn regiert endlich Rot-Grün - und in Heidelberg befand am
    Wochenende die Frühjahrskonferenz der Anti-Atom-Bewegung, es
    sei "der außerparlamentarische Widerstand notwendiger denn je".

    An drei Tagen wurden im stillgelegten Bahnhof am Karlstor die Weichen
    gestellt für die nächste Zukunft der Atomgegner. Rund 200 Vertreter von
    gut hundert Basis-Initiativen aus dem ganzen Bundesgebiet ließen dabei
    erkennen, daß es ihnen um mehr geht als nur um den Kampf gegen die
    Atomenergie. Ohne größeren Dissens geführte Diskussionen über den Krieg
    auf dem Balkan mündeten in eine harsch formulierte Entschließung: "Die
    neue Nato-Strategie", heißt es da, "dient dem Ziel, das 'Recht' (...) auf
    ungehinderte globale Operationen der amerikanischen und westeuropäischen
    Großunternehmen und Banken durchzusetzen." Die "rassistische und
    nationalistische Poltik der serbischen Regierung" gegen die Kosovo-Albaner
    wird zwar auch verurteilt, aber die Erklärung richtet sich vornehmlich
    gegen den Westen. Gefordert werden unter anderem sofortiger Kriegsstopp,
    Auflösung der Nato und Rückzug der Bundeswehr aus allen Balkanregionen.

     Dem Bundeskanzler wird "Lüge" vorgeworfen, weil er den Nato-
    Luftkrieg als humanitäre Aktion ausgibt. Überhaupt steht die 
    Bundesregierung für  diesen Teil des politischen Spektrums ganz 
    schlecht da. "Es gibt eben überall Enttäuschung über diese 
    Bundesregierung", sagt Markus Pflüger aus Saarbrücken am Rande des 
    Treffens, "und zwar was sowohl Atom- als auch was Friedenspolitik 
    betrifft."

    Tatsächlich nennt die eine von zehn Arbeitsgruppen der Konferenz, die das 
    Verhältnis zu Bonn beleuchten sollte, laut Protokoll die Atompolitik der
    rot-grünen Bundesregierung "schlimmer als die ihrer Vorgängerin".
    Begründet wird das damit, daß die Regierung Kohl noch ihre guten Glauben
    an die Beherrschbarkeit atomarer Risiken "vorgetäuscht" habe;
     dagegen bezeichne Rot-Grün zwar die Atomkraft als unverantwortbar, 
    tue  aber alles für den Weiterbetrieb.

     "Ohne Druck von uns ist ein Ausstieg aus der Atomenergie sowieso 
    nicht zu erreichen." Demnächst hoffen die Versammelten auf neue
    Aufmerksamkeit, etwa wenn sie am 9. Oktober voraussichtlich in
    Hannover eine große, bundesweite Aktion machen. Aufhänger werden
    dann nicht nur die nahen und weiter entfernten Atomkraftwerke sein,
    sondern auch die Expo 2000. Gegen sie ist man hier allergisch. "Die
    schöne, heile, 'nachhaltige' Welt, die uns Daimler, Siemens und 
    andere Herrschende basteln, hat keinen Platz für Mensch und 
    Soziales", verkündet ein Plakat. Atomenergie ist eben, wie Pflüger 
    klarstellt, für diese Anti-AKW-Bewegung nur "ein Schlüsselpunkt des 
    Herrschaftssysstems" - und letzteres hat hier kaum Freunde. Eine 
    Schlüsselfunktion hat wiederum  bei den Teilnehmern ihr Widerstand 
    gegen die Atomindustrie.

    Einer der in Heidelberg gefaßten Beschlüsse besagt denn auch, daß der
     nächste Castor-Transport, woher oder wohin auch immer, blockiert
     werden wird. Was müsse geschehen, damit die Anti-AKW-Bewegung den
     Castor unbehelligt läßt? Als Bedingung nennt ein Teilnehmer aus
     Lüchow-Dannenberg die Abschaltung sämtlicher Reaktoren in
     Deutschland. 

    © Frankfurter Rundschau 1999
                       


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