Aktionsbündnis CASTOR-Widerstand Neckarwestheim 
„Gemeinschaftskunde live" für junge Castor-Sitzblockierer
    Heilbronner Stimme, 17.01.99

    Rezzo Schlauch machte sich gestern auf, um am Heilbronner 
    Amtsgericht einen Demonstranten zu verteidigen
    - Prozeß wegen Zeugensuche vertagt

    „Gemeinschaftskunde live" für junge Castor-Sitzblockierer

    Von Franziska Feinäugle
    und Henry Doll

    Wer gestern um 9.30 Uhr die Heilbronner Wilhelmstraße
    entlang gelaufen ist, hätte leicht auf den Gedanken kommen kön-
    nen, grüne Bundestagsabgeordnete hätten das Heilbronner Amtsge-
    richt als den idealen Ort für An schauungsunterricht in Sachen
    Recht und Gesetz entdeckt.

    Da stand in gewohnter Mächtigkeit ein wacher Rezzo Schlauch in-
    mitten einer Gruppe Schüler und fand: „Das war jetzt guter Gemein-
    schaftskundeunterricht." Obwohl ja eigentlich Schulferien sind.

    Gekommen waren die Waldorfschüler nicht zu Unterrichtszwek-
    ken, sondern aus ganz anderen Beweggründen: die einen aus politi-
    schen, die anderen, weil sie vor dem Heilbronner Amtsgericht we-
    gen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz angeklagt waren. Sie
    waren am Tag des Castortransports im März 1998 demonstrierend vor
    Tor zwei des Kernkraftwerks Neckarwestheim gesessen, obwohl das
    Landratsamt Heilbronn für diesen Bereich ein Versammlungsverbot
    (Allgemeinverfügung) erlassen hatte, und nach dreimaligen Aufforde-
    rungen der Polizei fortgetragen worden. 536 Mark hätten sie dafür
    zahlen sollen. 500 Mark Bußgeld, 36 Mark Bearbeitungsgebühr. Die
    Verpflegung in Polizeigewahrsam, Landjäger und trockenes Brot, und
    weitere Aufwendungen wurden mit 164 Mark in Rechnung gestellt.

    Was das alles mit dem grünen Bundestagsabgeordneten    Rezzo
    Schlauch zu tun hat? Der hatte vor, einen der Schüler zu verteidigen
    und zu diesem Zweck mal wieder nach Heilbronn zu kommen, wo er
    in vor-politischen Zeiten oft als Strafverteidiger aktiv war. Der
    Schüler harte ihn in der S-Bahn an gesprochen und als Anwalt gewin-
    nen können. Auszug aus Schlauchs Argumentation: „Ich war auch da-
    bei, als sie demonstriert haben. Das war eine völlig friedliche Angele-
    genheit. Die Leute haben die ganze Nacht in der Turnhalle verbracht -
    das reicht als Strafe."

    So hätte der grüne Anwalt argumentiert. Hätte. Denn soweit kam
    es nicht: Schon im ersten der vier Verfahren war immer wieder von
    einem Polizeipsychologen die Rede, der den Demonstranten gesagt
    haben soll, sie würden erst bestraft, wenn sie nach dem Beiseitegetra-
    genwerden wieder an die Stelle zu rückgingen.

    Dieser namentlich niemandem bekannte Polizeipsychologe soll
    nun gesucht und als Zeuge geladen werden. Die in öffentlicher Ver-
    handlung angeklagte 19jahrige Abiturientin aus Stuttgart sagte, in
    ihrer Schule sei vor der Demo ein Flugblatt verteilt worden, in dem
    eine Teilnahme an einer Anti-Castor-Demonstration als nicht straf-
    bar dargestellt wurde. Also reiste sie am 19. März nach Neckarwestheim.
    Sie habe nichts von der Allgemeinverfügung gewußt. Gewiß, sie und
    die anderen wurden aufgefordert, die Blockade vor Tor zwei zu been-
    den. Aber von einer strafbaren Handlung sei nicht die Rede gewe-
    sen. Sie sei von zwei Polizisten „gezwickt" und weggetragen worden.
    Mehrere Stunden verbrachte sie in einem Polizeibus. Dann wurde sie
    in eine Turnhalle gebracht, wo die Gesinnungsgenossen sich mit dem
    Spiel „faules Ei" die Zeit vertrieben.

    Oberstaatsanwalt Uwe Schlosser blieb gestern hart. Eine Einstellung
    des Verfahrens komme nicht in die Tute. Die Demonstranten, die ge-
    gen den Bußgeldbescheid Einspruch eingelegt haben, dürften
    nicht günstiger wegkommen als die, die ohne Murren 500 Mark
    Bußgeld bezahlten.

    Die Verfahren wurden gestern erst einmal vertagt. Kleiner Trost
    von Richter Jörg Hieber: „Die Zeugen wären sowieso nicht dagewe-
    sen heute: Die sind alle krank geworden. Seit gestern leiden die Poli-
    zisten an Grippe."
     
     

 

aufkleber

aktuell

termine

presseerklärungen

zurück zu
lokalpresse

infos zum
aktionsbündnis

obrigheim

castor ahaus ´98

links

download
 
 

Mail an Aktionsbündnis





















 

Startseite