Aktionsbündnis CASTOR-Widerstand Neckarwestheim 
Antiatombewegung bereitet Blockaden gegen Castor-Transporte vor
    junge welt, 06.07.99

    Joker im Ausstiegspoker
    Antiatombewegung bereitet Blockaden gegen Castor-Transporte vor

    Während sich rot-grüne Regierungspolitiker mit lautem Mediengetöse um ein paar Jahre längere oder kürzere Restlaufzeiten für die 
    Atomkraftwerke (AKW) streiten, bereitet sich die Antiatombewegung konkret auf Blockaden und Demonstrationen gegen bevorstehende Atommülltransporte vor. Bei einer bundesweiten Konferenz am Wochenende in Kassel machten die anwesenden Initiativen deutlich, daß sich ihr Widerstand gleichermaßen gegen Castor-Transporte von AKW zu den Wiederaufarbeitungsanlagen (WAA) in Frankreich und England, gegen die Rücktransporte des wieder aufgearbeiteten Mülls nach Deutschland sowie gegen »innerdeutsche« Transporte von den AKW zu den Zwischenlagern richtet.

    »Der Widerstand wird ähnlich bunt und vielfältig sein wie in Gorleben und Ahaus«, verspricht Michael Friedrich von der Oldenburger Initiative gegen Atomanlagen (OlgA). Allerdings würden sich beim nächsten Mal »nochmals deutlich mehr« Menschen an den Protestaktionen beteiligen.  »Der atompolitische Kurs der Bundesregierung treibt die Menschen geradezu auf Schienen und Straßen«, meint Friedrich.

    Die Antiatominitiativen haben die Bundesrepublik in fünf Regionen aufgeteilt, in denen jeweils örtliche Gruppen die Protestinfrastruktur für einen möglichen Atommülltransport aufgebaut haben. In der Region Südwest sind die AKW in Biblis, Neckarwestheim, Obrigheim und Philippsburg zusammengefaßt. Die Region Südost kümmert sich um die bayrischen AKW Grafenrheinfeld, Gundremmingen und Ohu. In der Region Ost behalten Initiativen den Forschungsreaktor Dresden-Rossendorf, das AKW Rheinsberg und das Zwischenlager Lubmin im Auge. Im Westen bereiten Atomkraftgegner Aktionen in Ahaus, Grohnde und Lingen vor. Der Norden umfaßt das Zwischenlager Gorleben und die AKW Brokdorf, Brunsbüttel, Esenshamm, Krümmel und Stade. Viele Aktivisten aus der Antiatombewegung rechnen noch in diesem Jahr mit einer ersten Transportgenehmigung. Gegenwärtig gilt zwar noch der von der ehemaligen Bundesumweltministerin Angela Merkel verfügte Transportstopp für hochradioaktive Abfälle, doch die Atomwirtschaft drängt auf rasche Wiederaufnahme der Fuhren. »Die Betreiber wollen in den nächsten Monaten Dutzende Transporte zu den Wiederaufarbeitungsanlagen durchführen«, so Herbert Würth vom Aktionsbündnis Neckarwestheim. Die Abklingbecken in den Atomkraftwerken Biblis, Neckarwestheim, Philippsburg und Stade seien praktisch voll.

    Nach Ansicht von Herbert Würth hat die Atomwirtschaft dabei »aber völlig übersehen, daß es schon beim allerersten Transport massiven Widerstand geben wird«. Die Polizei könne nicht »im Monatsrhythmus Großeinsätze fahren«. »Die Konzernchefs können von Schröder und Trittin so viele Transporte fordern, wie sie wollen«, so Michael Friedrich. »Die Bundesregierung hat aber nicht die Macht, diese Fuhren auch durchzusetzen.« Nach einem ersten Transport beispielsweise aus dem AKW Stade sei »Feierabend, denn dann muß die Polizei monatelang Überstunden abbauen«.

     Auch Jochen Stay, einer der Sprecher der Kampagne »x- tausendmal quer«, sieht die Antiatombewegung am längeren Hebel. Um die aus Sicht der Atombetreiber notwendigen Transporte gegen die geplanten Großblockaden und weitere Widerstandsaktionen durchzusetzen, fehle es einfach an Polizeikräften. »Im atomaren Ausstiegspoker ist der Widerstand der Joker«, ist das Motto der Initiative, die sich bereits in Trainingscamps auf eine gewaltfreie Großblockade vorbereitet.

    Reimar Paul
     
     


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