| Stuttgarter Zeitung, 8.7.98
Waldorfschüler bekommen nach Anti-Castor-Demonstration
Bußgeldbescheide
Gefesselt, festgehalten, 536 Mark Strafe
Schulleiter: Traurige Lektion - ¸¸Wir wollen,
daß unsere
Schüler urteilsfähig werden'' - Vater: Kein
politisches
Gespür
Knapp ein Dutzend Waldorfschüler wird für sein
umweltpolitisches Engagement zur Kasse gebeten:
Wegen Teilnahme an einer Anti-Castor-Sitzblockade in
Neckarwestheim werden für einige Schüler 536
Mark
Bußgeld fällig. Zuvor erlebten sie, wie es
ist, ¸¸wie ein
Schwerverbrecher'' gefesselt und gefangengenommen
zu werden.
Angefangen hatte alles mit der Energie-AG. Kurz vor den
Herbstferien 1997 hatten Schüler der Stuttgarter
Waldorfschule Uhlandshöhe diese Arbeitsgemeinschaft
gegründet. Als Anlaß dafür nennen sie
in einer
Selbstdarstellung ¸¸die sich dramatisch zuspitzende
Lage
unserer Umwelt, insbesondere unseres Klimas''. Doch wollte
man es nicht allein bei Energiesparversuchen und den Einsatz
von Solar- und Blockheiztechnik im Schulhaus belassen,
sondern auch über Kernenergie und ihre Alternativen
Informationen zusammentragen. An die 20 Schüler
beschlossen, am 19. März gegen den Castor-Transport
aus
dem Kernkraftwerk Neckarwestheim ins westfälische
Atommülllager Ahaus zu demonstrieren.
¸¸Auf der Zufahrtsstraße'', berichtet
der Zehntkläßler
Klaus-Ernst Wagner (Name geändert) später in
der
Schulzeitschrift, ¸¸sitzen und liegen etwa
80 Demonstranten,
die sich keineswegs von der anwesenden Hundertschaft
beeindrucken lassen, die in einer Reihe stehend den Zugang
versperrt''. Später schreibt der 16jährige:
¸¸Die Polizisten, die
die Grenze zwischen Gut und Böse bilden, werden regelmäßig
abgelöst.'' Den Durchsagen, die Demonstranten mögen
bitte
die Zufahrt verlassen, folgen die Schüler nicht,
sondern bleiben
sitzen und singen. Dann werden die Demonstranten in den
ersten Reihen abgeführt, müssen ihre Personalien
angeben,
werden durchsucht, gefesselt und in vergitterte Polizeibusse
gesetzt. Klaus-Ernst: ¸¸Man fühlt sich
so wichtig und bewacht
wie ein Schwerverbrecher.'' Erst sieben Stunden später
wurden die Schüler wieder freigelassen, ihre Eltern
verständigt.
Am 5. Mai bekam Klaus-Ernst einen Anhörungsbescheid.
Sein Vater nahm für den Minderjährigen schriftlich
Stellung,
machte geltend, daß der Sohn für die Schülerzeitschrift
unterwegs war und fragte, ob es denn angemessen sei, einen
friedlichen Schüler wie einen Schwerverbrecher abzuführen.
Mit Datum vom 24. Juni kam der Bußgeldbescheid:
536
Mark. Tatbestand: Der Sohn habe sich an einer Sitzblockade
vor Tor II beteiligt. Just dort sei für jenen Tag
durch eine
Allgemeinverfügung des Landratsamts Heilbronn ein
Versammlungsverbot erlassen worden.
Vater Wagner ist verärgert. Auf seine Stellungnahme
sei mit
keinem Wort eingegangen worden. Nachdem bekannt
geworden sei, daß die Öffentlichkeit jahrelang
über die
Strahlung der Castoren belogen worden sei, hätten
die
Behörden ¸¸gut daran getan, die Sache
ganz schön ruhig zu
behandeln'', findet Wagner. Aber da fehle den
Verantwortlichen wohl das politische Gespür.
Auf diese Weise, so Wagners Vorwurf, riskiere man, brave
Jugendliche zu kriminalisieren. Denn die seien ja ¸¸nicht
hingegangen, um Randale zu machen''. - ¸¸Ich
dachte nicht,
daß solche Maßnahmen ergriffen werden'', berichtete
Klaus-Ernst. ¸¸Die haben willkürlich
Leute rausgegriffen.''
Dabei hätten die Schüler sich bewußt nicht
schwarz gekleidet,
um nicht mit Autnomen verwechselt zu werden.
Dennoch meint der 16jährige: ¸¸Das Ding
hat sehr viel
gebracht - jetzt les ich mit anderen Augen Zeitung, interessiere
mich mehr für Politik.'' Gegen das Bußgeld
wollen die
Wagners Widerspruch einlegen. In der Schule habe man auch
über eine Sammelklage nachgedacht, berichtet Klaus-Ernst.
Der amtierende Waldorfschulleiter Rainer Patzlaff bewertet
die Sache als ¸¸außerordentlich traurige
Lektion'' für seine
Schüler. Sie seien aus eigener Initiative nach Neckarwestheim
gefahren, aber eine solche Bestrafung sei im Blick auf
ihr
friedliches Verhalten ¸¸wie ein Faustschlag
ins Gesicht''.
Schließlich gehe es ihnen gerade in der AG darum,
Möglichkeiten zum Stromsparen und Alternativen zum
Atomstrom herauszufinden, etwa durch Solarenergie. Patzlaff:
¸¸Wir legen großen Wert darauf, daß
unsere Schüler
urteilsfähig werden.'' Schüler sollen auch,
so Patzlaff, merken,
¸¸wo werden wir manipuliert''? Es sei für
einen Bürger
¸¸schwer ersichtlich'', wo das Demonstrationsrecht
aufhöre,
und ab wann es eine Sache der Zivilcourage sei, Widerstand
zu leisten. Die Schule versuche, Schüler wach zu
machen für
diese Dinge, etwa durch Beispiele im Geschichtsunterricht,
sei
es der Widerstand im Dritten Reich, sei es die amerikanische
Unabhängigkeitserklärung.ja
Schüler als Demonstranten
Was des Staates ist
Waldorfschüler demonstrieren gegen Castortransporte
und
bekommen eine Lektion erteilt: Zum ersten Mal in ihrem
Leben haben sie es mit der Staatsmacht zu tun. Sie werden
gefesselt, stundenlang festgehalten, und ihre Eltern müssen
536
Mark Bußgeld bezahlen (siehe Seite 18). Das Ereignis
hat bei
den jungen Demonstranten für bleibende Erinnerungen
gesorgt.
Den Polizeibeamten kann man hier sicher keinen Vorwurf
machen. Sie taten, was sie tun mußten. Weil die
Demonstranten das Tor nicht räumten, wurden sie
weggetragen und solange unkommod mit Fesseln aufbewahrt,
bis der Transport über die Bühne war. Rechtlich
ist zunächst
alles klar. Der Heilbronner Landrat hat für das entscheidende
Neckarwestheimer Kernkraftwerk-Tor Versammlungsverbot
erlassen, und die jungen Menschen haben sich nicht dran
gehalten. Basta.
Nur hat sich die Lage inzwischen geändert. Mittlerweile
ist
bekannt, daß die Verantwortlichen jahrelang die
Öffentlichkeit
über die wirkliche Strahlung belogen haben. In diesem
Zusammenhang muten mehr als 500 Mark Strafe schon als
fragwürdige Machtdemonstration des Staates an, zumal
die
Schüler sich friedlich verhielten.
Im Falle der Stuttgarter Schüler hat diese Aktion
glücklicherweise nicht dazu geführt, daß
sie den Staat
grundsätzlich in Frage stellen. Wie sagte einer von
ihnen: ¸¸Ich
bin nicht gegen den Staat. Ich bin nur gegen Atomkraft.''
Ist es
wirklich zu verurteilen, wenn junge Leute friedlich, aber
öffentlich für ihre Überzeugungen einstehen?
Ist es nicht
nachvollziehbar, daß man im Blick auf Tschernobyl
und seine
bis heute andauernden Folgen, im Blick auf die
krebsbelasteten Kinder, auf die immer noch verseuchte
Umwelt, zu einer ablehnenden Haltung gegen Atomkraft
kommt und es nicht bei dem lapidaren Spruch beläßt
wie:
¸¸Bei uns kommt der Strom aus der Steckdose''?
An der
Glaubwürdigkeit des Engagements der Schüler
kann nicht
gezweifelt werden.Inge Jacobs
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