| Ludwigsburger Kreiszeitung, 2.7.98
Mancher wollte Jodtabletten sofort abholen
Getürkte Warnung vor Atommüll-Transport sorgt vielfach
für Verunsicherung
Kirchheim/Waihelm - (pro) Viel Aufregung um eine Fälschung: In
dutzenden Briefkästen lag gestern ein angeblich vom Gesundheitsamt
stammendes Schreiben. Vor dem nächsten Atommüll-Transport,
hieß es
darin, solle sich die Bevölkerung vorsorglich mit Jodtabletten
eindecken.
In dem mit einem fingierten Briefkopf des Gesundheitsamtes in
Ludwigsburg und dem Logo des Landkreises versehenen Schrieb, der von
einer angeblichen ,,Abteilung Strahlenschutz" verfaßt war, wurde
als
nächster Termin eines Atommülltransports aus dem
Gemeinschaftskernkraftwerk Neckar (GKN), von dem beide Kommunen
betroffen wären, der 9. Juli genannt. Die Transporte seien zwar
ungefährlich, jedoch gäben beide Rathäuser sowie das
Gesundheits-amt
angesichts der überhöhten radioaktiven Strahlung bei verschiedenen
vergangenen Atommüll-Fahrten vorsichtshalber Jodtabletten
aus, hieß
es weiter. Die Einnahme von Jod wird üblicherweise empfohlen,
um die
Anreicherung von Radioaktivität in der Schilddrüse zu verhindern.
Ferner hatte GKN zuletzt einräumen müssen, daß auch
Atommüll-Behälter aus Neckarwestheim bei Transporten verstrahlt
waren. Das genügte, damit das getürkte
Schreiben in nicht geringen
Teilen der Bevölkerung für erhebliche Verunsicherung sorgte.
Mindestens 20 besorgte Anrufe gingen bis zum Nachmittag allein im
Walheimer Rathaus ein. Dort beruhigte man die Leute, sprach von einem
,,üblen Scherz". Die Aktion sei alles andere als ,,toll" gewesen,
meinte Bürgermeister Martin Gerlach. Viele seiner Mitbürger
seien
beunruhigt und nach Aufklärung des wahren Sachverhalts verärgert
gewesen. Der Schultes ging wie die Polizei davon aus, daß sich
am
Nachmittag nach Arbeitsschluß noch weitere Bürger wegen
der offenbar
nachts verteilten Schreiben ans Rathaus wenden würden und sorgte
deshalb für eine längere Besetzung der Telefone im Rathaus.
Auch in
Kirchheim meldeten sich aufgeschreckte Einwohner im Rathaus,
einzelne kamen bereits, um ihre Jodtabletten in Empfang zu nehmen.
Im Landratsamt, das schon am Vormittag in einer Pressemitteilung auf
die Fälschung hingewiesen hatte, wertete man die Sache denn auch
als
Versuch der ,,Panikmache". Allerdings habe es ähnliche Briefe
bereits
mehrfach gegeben. Ein GKN-Sprecher meinte auf LKZ-Nachfrage dazu, daß
man sich in Neckarwestheim erstmals mit Aufrufen ,,in dieser Form"
konfrontiert sehe. Für den Bund der Bürgerinitiativen Mittlerer
Neckar distanzierte sich Wolfram Scheffbuch von der ,,etwas plumpen"
Aktion. ,,Das ist nicht unser Stil. Wir arbeiten mit ehrlichen
Methoden", lautete sein Kommentar. Inzwischen hat die Kriminalpolizei
Ludwigsburg Ermittlungen wegen Amtsanmaßung und Urkundenfälschung
aufgenommen. Konkrete Anhaltspunkte, woher die getürkten Briefe
stammen, lagen der Kripo gestern noch nicht vor.
|