| Stuttgarter Zeitung, 10.6.98
Schaufler schließt Ausstieg
aus
Kernenergie nicht aus
STUTTGART (AP). Angesichts des Skandals um verstrahlte
Atomtransporte hat Baden-Württembergs Umweltminister
Hermann Schaufler den Ausstieg aus der Kernenergie nicht
ausgeschlossen. Dies gelte aber nur für den Fall,
daß keine
befriedigende technische Lösung gefunden werde. Aus
den
drei Atomkraftwerken des Landes seien 46 Transporte mit
abgebrannten Brennelementen in die
Wiederaufarbeitungsanlage La Hague verstrahlt gewesen,
so
Schaufler.
(Siehe Seite 5):
Schaufler: Ohne Sicherheit kein
Atommüll-Transport
Umweltminister sagt umfassende Aufklärung zu -
Vorwürfe an Betreiber
kf. STUTTGART. Aus Baden-Württemberg werden so lange
keine abgebrannten Brennelementen aus Kernkraftwerken
abtransportiert, bis die Fälle von überhöhten
Strahlungswerten
aufgeklärt sind und sichergestellt ist, daß
künftig keine
unzulässigen Kontaminationen mehr auftreten. Dies
hat
Umwelt- und Verkehrsminister Hermann Schaufler im
Landtag erklärt. Der Minister hat seine Kritik an
den
Betreibern der Kernkraftwerke bekräftigt und personelle
Konsequenzen der Verantwortlichen gefordert.
Den Mitgliedern des parlamentarischen Umwelt- und
Verkehrsausschusses legte Schaufler detailliert dar, welche
Erkenntnisse seinem Haus über die bisherigen Transporte
im
Land vorliegen. Danach seien in keinem Fall die zulässigen
Grenzwerte überschritten worden; die Aufsichtsbehörde
habe
keinen Anlaß gehabt, die Eignung der Meßprogramme
zu
bezweifeln. Überhöhte Werte seien allerdings
bei der Ankunft
am Zielort in der französischen Wiederaufarbeitungsanlage
La
Hague und in der Umladestation Valognes festgestellt worden.
Im einzelnen habe es sich dabei um 37 Fälle mit ,,auffälligen
Werten'' von insgesamt 128 Transporten aus Philippsburg,
um
acht von 147 aus Neckarwestheim und um einen von 107
Transporten aus Obrigheim gehandelt.
Erneut versicherte Schaufler, bis zum 6. Mai sei der
Aufsichtsbehörde nicht bekannt gewesen, daß
am Zielort
Überschreitungen der Grenzwerte gemessen worden seien.
Erst an diesem Tag sei sein Haus vom
Bundesumweltministerium darüber informiert worden,
daß bei
Transporten nach La Hague ,,Probleme aufgetaucht'' und
gegenüber den Vorschriften des Gefahrgutrechts überhöhte
Strahlengrenzwerte an der Behälteroberfläche
und den
Transportfahrzeugen festgestellt worden seien. Nach
bisherigen Kenntnisstand sei die Strahlung von ,,Partikeln''
aus
dem Wasser des Brennelemente-Lagerbeckens ausgegangen,
die sich in Fugen des Transportbehälter festgesetzt
und dann
durch die Erschütterungen der Behälter während
des
Transports gelöst hätten, möglicherweise
auch durch die
Wärmeentwicklung.
Der Minister ließ keinen Zweifel daran, daß
die unterlassene
Information der Kraftwerksbetreiber ,,nicht in Ordnung''
gewesen sei. Er fühle sich ,,hintergangen'', sagte
er. Es sei
aber ,,nicht so, daß die tun und lassen können,
was sie
wollen''; deshalb fordere er, daß die Schwachstellen
aufgedeckt und notfalls auch personelle Konsequenzen -
,,kein Bauernopfer'' - gezogen würden. ,,Ich will
keine
Entschuldigung, sondern eine lückenlose Aufklärung'',
sagte
Schaufler. Nicht zuletzt sei in der Bevölkerung ein
Vertrauensverlust in die Atomwirtschaft eingetreten, der
nur
durch erhebliche Anstrengungen wieder ausgeglichen werden
könne. Bevor neue Transporte genehmigt würden,
so
Schaufler, müßten die Betreiber der Kernkraftwerke
garantieren, daß künftig keine unzulässigen
Kontaminationen
mehr aufträten.
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