Stuttgarter Nachrichten, 8.6.98
Gewerkschaft: Schlamperei bei
Castor-Sammellisten
Ein im Nahbereich des Atommülltransporters
eingesetzter Polizist wurde offenbar nicht registriert
Stuttgart - Bei der Überwachung von Polizisten, die
im
Nahbereich von Castor-Transporten eingesetzt wurden, gibt
es offenbar Schwachpunkte. Darauf hat der Landesverband
der Deutschen Polizeigewerkschaft im Beamtenbund (DpolG)
gegenüber unserer Zeitung hingewiesen.
VON FRANK SCHWAIBOLD
Zwar bekommen die Beamten seit 1997 einen
Strahlendosimeter ausgehändigt, mit dem die Strahlungen
gemessen werden können. Zudem werden die Polizisten
im
Nahbereich auf Sammellisten namentlich erfaßt, um
bei
weiteren Transporten einen erneuten Einsatz in dieser
Zone zu
vermeiden.
Nach Informationen unserer Zeitung war aber ein Beamter
im
Frühjahr 1997 in Neckarwestheim im Nahbereich eingesetzt
worden, ohne daß sein Name auf der Sammelliste registriert
wurde. Gewerkschaftsfunktionär Dieter Hoffmann schimpft
generell über die Art der Erfassung: ¸¸Hier
ist durchgehend
schlampig gearbeitet worden.''
Außerdem will die DpolG den Fall eines Ende 1997
an
Leukämie verstorbenen Beamten aufgeklärt wissen.
Der 34
Jahre alte Beamte der Bereitschaftspolizei Bruchsal war
im
April 1995 bei einem Atommülltransport in Philippsburg
eingesetzt worden. Im April 1996 brach seine Krankheit
aus.
Nach Angaben von Landespolizeipräsident Erwin Hetger
hat
der Mann aber im April 1995 einen Gefangenenwagen
gefahren und sei nicht im Nahbereich gewesen. Dem steht
eine
Aussage entgegen, die der Polizist gegenüber dem
Personalratsvorsitzenden der Bereitschaftspolizei Bruchsal
gemacht hat. Demnach hat er den Gefangenenwagen
verlassen, um in die Nahzone zu gehen. Die Gewerkschaft
fordert nun, daß die damals eingesetzte Hundertschaft
befragt
wird, ob der später verstorbene Polizist dort von
den
Kollegen gesehen wurde. Seinem Schwiegervater hat der
34jährige zudem erzählt, daß er schon
früher zu Einsätzen in
Philippsburg eingeteilt war.
Nicht bestätigt hat sich ein zweiter Fall, den die
DpolG
ebenfalls gegenüber Hetger angesprochen hatte. Ein
35 Jahre
alter Beamter der Polizeidirektion Mosbach, der erst vor
wenigen Wochen an einem ¸¸Rückenmarkinfarkt''
verstarb,
war zwar 1997 für einen Castor-Einsatz eingeplant
gewesen.
Allerdings ist er laut einem Eintrag ins Dienstbuch eine
halbe
Stunde, bevor der Transport losfuhr, abgelöst worden.
© 1998 Stuttgarter Nachrichten, Germany |