| Aktionsbündnis CASTOR-Widerstand Neckarwestheim |
Bietigheimer Zeitung, 1.Oktober 97
ATOMMÜLL / Gestern startete ein Transport von Neckarwestheim nach SellafieldHeiße Fracht auf dem BahnhofStarke Polizeikräfte im Einsatz - lnformationspolitik stößt in Rathäusern auf KritikBESIGHEIM (tl). In der Nacht zum Dienstag verließ ein Transport mit insgesamt 21 hochradioaktiven Brennelementen das Kernkraftwerk Neckarwestheim. Die Fracht ist für die britische Wiederaufbereitungsanlage Sellafield bestimmt. In Rathäusern der Gemeinden, durch die der Transport rollte, wird kritisiert, daß man über den Gefahrgut-Transport nicht vorab informiert wurde.Um 3.40 Uhr rollten die drei Tieflader mit jeweils einem Container vom Typ NTL 11 vom Gelände des Atomkraftwerkes. In jedem der Behälter befanden sich nach Angaben der Pressestelle des Kraftwerkes sieben abgebrannte Brennelemente aus dem Block 1 des Kraftwerks. Die Nutzlast pro Behälter betrage zwischen 3,5 und vier Tonnen, die Behälter haben ein Gewicht von 80 T6nnen. Im Inneren der Container herrscht eine Temperatur von ungefähr 200 Grad Celsius, an der Außenseite sind es noch 50 Grad. Wie Peter Lächner von der Pressestelle der Polizeidirektion Heilbronn mitteilte, waren 60 Polizeibeamte der Polizeidirektionen Heilbronn und Ludwigsburg im Einsatz, darunter auch eine Hundestaffel. Zusätzliche Polizeikräfte waren in Bereitschaft. Von den Polizeibeamten wurden mehrere Dosimeter mitgeführt, mit denen die Strahlenbelastung der eingesetzten Polizeibeamten gemessen und dokumentiert wird. Über die gemessenen Werte konnten noch keine Angaben gemacht werden. Eine kleine Gruppe von Demonstranten war in der Nacht von der Polizei festgesetzt worden. Ungefähr um vier Uhr traf der Konvoi im Walheimer Dampfkraftwerk ein, wo die Container auf Eisenbahnwaggons verladen wurden. Der Zug mit den Atomcontainern verließ um 9.30 Uhr das Walheimer Kraftwerk. Eine Gruppe von 20 Atomgegnern demonstrierten mit Transparenten gegen den Transport, ,,absolut friedlich", wie der Einsatzleiter des Bundesgrenzschutzes, Karl Ullermann! feststellte, der für die Sicherung des Transportes ab dem Walheimer Kraftwerk zuständig war. Mehrere Dutzend Bundesgrenzschützer waren hier im Einsatz, ein Teil von ihnen begleitete den Transport in einem Waggon. Zu dem Zugbegleitkommando gehörten auch vier Diensthundeführer, berichtete der Einsatzleiter, von denen einer einen Sprengstoffspürhund mitführte. Ungefähr zwanzig Minuten lang stand der Zug auf den Gleisanlagen des Bietigheimer Bahnhofes. In manchem Rathaus der von dem Transport betroffenen Gemeinden sieht man es mit Mißfallen, daß man über die Transporte nicht vorab informiert wird: ,,Wir kriegen überhaupt Nichts mit, das ist ein Stück weit unbefriedigend", meint etwa Uwe Seibold, Hauptamtsleiter in Walheim. Auch im Besigheimer Rathaus hat man die Nachricht von dem bevorstehenden Transport aus der Zeitung erfahren, und ,,ist der Meinung, daß man da informiert werden sollte", wie die Leiterin des Haupt- und Ordnungsamtes Sabine Gauger formulierte. Die Atomgegner erklärten, daß ,,Atommülltourismus keine Lösung sei". Nur der Ausstieg aus der Atomenergie verhindere das weitere Anwachsen des radioaktiven Abfalls. Man werde auch in Zukunft Atomtransporte behindern. Für diesen Herbst war ursprünglich auch mit einem Castortransport von Neckarwestheim ins westfälische Ahaus gerechnet worden. Wie in gut informierten Kreisen zu hören ist, wird es in diesem Jahr nicht mehr zu diesem Transport kommen.
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