Aktionsbündnis CASTOR-Widerstand Neckarwestheim 

Bilanz von 4 Jahren rot-grüner Atompolitik
Dezember 2002

NZZ, 06.12.02

Ideologische Scharmützel um ein Atomkraftwerk
Unklare energiepolitische Zukunft im baden-württembergischen Obrigheim

Im Wahlkampf hatten die Grünen noch siegesgewiss von der fristgerechten Abschaltung des Kernkraftwerks Obrigheim (KWO) gesprochen. Kanzler Schröder hat mit seinem Versprechen an den Betreiber, die Laufzeit des KWO zu verlängern, dieses Ansinnen in Frage gestellt. Ruhe ist keine eingekehrt in Obrigheim. Eine Region im Zwiespalt zwischen der Sorge um den Umweltschutz und der Angst um die Arbeitsplätze.
Kl. Obrigheim, Mitte November
Für Karlfried Theilig war das wieder so ein Tag, an dem ihm bei allem Ärger wenigstens die Befriedigung blieb, seine monatliche "Schmutzzulage", wie er das ironisch nennt, redlich verdient zu haben. Weil die Deutsche Presse-Agentur in Stuttgart die Nachricht von einer "erneuten Panne im Atomkraftwerk Obrigheim" in die Welt gesetzt hatte, bastelte Sprecher Theilig nachmittags an einer Pressemitteilung, um ja nicht erst wilde Spekulationen aufkommen zu lassen. Tatsächlich war der Reaktor, wie vom Betreiber auch unverzüglich öffentlich gemacht, an einem Novembertag für 45 Minuten abgeschaltet worden, nachdem sich übermässig viel Herbstlaub im Kühlwasser-Reinigungssystem festgesetzt hatte. Da sei die Abschaltung, ereifert sich Theilig, doch eine rein vorsorgliche Routinemassnahme, "aber doch im Leben keine Panne" gewesen.

Ideologische Brillen hüben wie drüben
Man muss nicht viele Gespräche führen, um festzustellen, dass der sogenannte Atomkonsens, den die rot-grüne Bundesregierung vor zwei Jahren der Energiewirtschaft abgerungen hatte, hier am Neckar kaum krampflösend gewirkt hat. Im Gegenteil. Spätestens seitdem nicht mehr ganz so sicher ist, ob überhaupt Deutschlands dienstältester Reaktor im badischen Obrigheim als erster vom Netz geht, haben sich die Kontrahenten in ihr Rollenspiel verbissen.
Für die Kreisvorsitzende von Bündnis 90 / Die Grünen und Mitorganisatorin der Klägergemeinschaft "AKW Obrigheim abschalten", Christine Denz, geht es ganz fundamentalistisch um eine Entscheidung von "symbolischer Bedeutung", nämlich: "Schaffen wir Grünen das, diesen Reaktor abzuschalten?" Aus dieser Sicht ist die Kritik der Industrie- und Handelskammer (IHK) Rhein-Neckar an dem "volkswirtschaftlichen Unsinn", einen der grössten Arbeitgeber in der strukturschwachen Region ohne Not vorzeitig auszumustern, blanke Häresie.
Wenn der Pressesprecher Karlfried Theilig und der Betriebsratsvorsitzende des Kernkraftwerks Obrigheim (KWO), Herbert Schneeweiss, auf der anderen Seite gemeinsam wie aus dem Bunkerstand den Medien vorwerfen, den Begriff "Panne" in der Auseinandersetzung um die Atomkraft zu der "am häufigsten missbrauchten Vokabel" gemacht zu haben, ist das nicht ganz unberechtigt. Andererseits klingt ihre Argumentation so, als ob es sich bei den Sicherheitsbedenken bloss um eine besonders irrationale Art von Flugangst handle. Als die "Heilbronner Stimme" kürzlich in einem Kommentar den Einwurf wagte, ob es nach so viel vertaner Zeit nicht dringend geboten sei, über "die ideologischen Schranken" hinwegzuschauen und gemeinsam nachzudenken, wie es denn weitergehen solle mit der Region, blieb das in der Wirkung nur ein schüchterner Zwischenruf.
Leere Versprechungen der Grünen
Statt der Konturen des sich allmählich abzeichnenden Strukturwandels für die Zeit nach dem KWO ist in und um Obrigheim etwas anderes zu beobachten: Verstörung bei den einen und klammheimliche Genugtuung bei den anderen darüber, wie der ursprüngliche Fahrplan für den Atomausstieg zwischen massivem Druck der Industrie und politischem Opportunismus zerbröselt. Ende 2002 hätte der Ausstieg mit der Abschaltung des 1968 in Betrieb genommenen ältesten, allerdings aufwendig nachgerüsteten, und kleinsten (345 Megawatt) der insgesamt 19 deutschen Reaktoren konkret werden sollen. Nun herrscht im Blick auf die Zukunftsperspektiven des Neckar-Odenwald-Kreises ziemlich viel Ratlosigkeit und deprimierende Selbstblockade.
Wie die Berliner Spitzenvertreter der Grünen, Rezzo Schlauch und Fritz Kuhn, beide aus Baden-Württemberg, im Bundestagswahlkampf hier am Neckar die fristgerechte Stilllegung des KWO als sichere Gewissheit verkauften, das ist für die Kreisvorsitzende Denz heute eine sehr peinliche Erinnerung. Wenige Wochen später, als Kanzler Gerhard Schröder seine nicht so ganz geheime Zusage an die Betreibergesellschaft Energie Baden-Württemberg (EnBW) vom Sommer 2000 einlösen musste, die Laufzeit des KWO zu verlängern, und der kleinere Koalitionspartner einknickte, war das nicht nur eine politische Niederlage. Zum einen entpuppte sich die im Wahlkampf zur Schau gestellte Siegesgewissheit als schlichte Täuschung, weil die Führungsriege der Grünen spätestens Anfang April, als im Bundesumweltministerium von Jürgen Trittin der Verlängerungsantrag von EnBW einging, von dem Kanzler-Versprechen gewusst haben muss. Zum andern verbittert es Frau Denz, dass die lokalen Grünen nun allein mit dem unmöglichen Kunststück fertig werden sollen, zu erklären, warum ausgerechnet der "Schrottreaktor" (Schlauch) KWO eine Gnadenfrist bekommt, dessen Abschaltung für Schlauch und Kuhn nach jedermanns Erinnerung allerhöchste Priorität genoss.

Öko-Idylle contra Wohlstand
Der CDU-Bürgermeister im 5300 Einwohner zählenden Obrigheim, Roland Lauer, hat da auf den ersten Blick einen leichteren Stand. Als Glücksfall für die Gemeinde mag er die Standortentscheidung von EnBW zwar nicht bezeichnen. Wie er die Segnungen des KWO als des grössten Arbeitgebers und Steuerzahlers beschreibt, kommt dem aber sehr nahe. Ein ausladendes Einkaufszentrum, das Rathaus, die Grosssporthalle und der Schulkomplex - alles ziemlich neu und von einem Wohlstand zeugend, von dem die meisten anderen Kommunen nur träumen können. Über die Hälfte der rund 350 Beschäftigten des KWO sind in Obrigheim zu Hause. Auch das Handwerk und die Zulieferer in der Umgebung verdienen daran. Und weil man sorgsam mit dem Geld umgegangen ist, wird die Gemeinde, wie Lauer stolz vermerkt, zum Jahresende nicht nur schuldenfrei sein, sondern für dürre Jahre noch einen stattlichen Notgroschen in Höhe von etwa 12 Millionen Euro angespart haben.
Nach der weniger nostalgisch unterlegten Rechnung, die IHK-Geschäftsführer Bernhard Kraft in der benachbarten Kreisstadt Mosbach aufmacht, wird Obrigheim davon lange zehren müssen. Die Ausdünnung des nahe gelegenen Bundeswehrstandorts, die Schliessung des Zollamts und die Abschaltung des KWO - Kraft nennt das "Keulenschläge", infolge deren in der Summe weit über tausend Arbeitsplätze wegbrechen und die strukturschwache Region "völlig unkoordiniert" treffen. Da ist der als Gemeinschaftsinitiative gegründete Technologiepark Neckar-Odenwald, auf dessen 26 Hektaren grossem Areal sich nur gerade drei kleine Gewerbebetriebe mit insgesamt 130 Beschäftigten niedergelassen haben, nicht mehr als eine vage Verheissung. - Die den Atombefürwortern nahestehende "Welt" amüsierte sich über die wirtschaftlichen Zukunftsaussichten des KWO-Standorts mit einer Karikatur: Auf der Reaktorkuppel und dem Kühlturm drehen sich Windräder, und inmitten von friedlich grasenden Kühen geniessen Ausflügler die neue Öko-Idylle. Tatsächlich liefert den Stoff für eine Realsatire die Art und Weise, wie sich die Streitparteien bei den Anläufen zur Umsetzung blockieren. Im nordöstlich gelegenen Buchen entsteht ein Biomasse-Kraftwerk, das vom nächsten Jahr an 15 000 Haushalte mit Energie aus erneuerbaren Quellen versorgen soll. Und Bürgermeister Lauer träumt davon, das KWO eines Tages durch ein Kraftwerk auf der Basis der Brennstoffzellen-Technologie zu ersetzen. Aber mit den Grünen, die aus einer spät entdeckten Bringschuld heraus dazu selbst Initiativen wie die Mosbacher Energiespartage und eine regionale Klima-Messe entwickelt haben, mag von den Amtsträgern niemand kooperieren.
Seitdem die Partie um das Ende des KWO nun wieder offen ist, ist das gegenseitige Misstrauen noch gewachsen. Bedeuten die ausserplanmässigen 5,5 Milliarden Kilowattstunden, die EnBW als Übertrag vom AKW Philippsburg abgezweigt hat, wirklich eine Fristverlängerung von "nur" rund zwei Jahren? Oder hat es das Unternehmen, wie die Atomkraftgegner argwöhnen, darauf abgesehen, diese Menge zeitlich zu strecken, um am Ende doch die angestrebte Ziellinie von mindestens 40 Jahren Laufzeit zu erreichen? Das hätte gleichzeitig den Vorzug, dass die stattliche Kapitalerträge abwerfenden Rücklagen, die das Unternehmen für die Stilllegung und den Abriss des KWO gebildet hat, nicht vorzeitig eingesetzt werden müssten.

Abschaltung auf Gerichtsweg erzwingen
Einer, der vom Balkon seines Hauses in Mosbach das KWO ständig im Blick hat, lässt sich von dem Durcheinander aus Spekulationen und Dementis nicht beirren. Der pensionierte Arzt und führende Kopf der Klägergemeinschaft, Walter Sieber, glaubt inzwischen weder dem Kanzler noch den Grünen, hat aber die Hoffnung nicht aufgegeben, auf dem Gerichtsweg die Abschaltung des Reaktors zu erzwingen. Sie ist wieder gestiegen, seitdem das Bundesverwaltungsgericht im Herbst 2000 ein Urteil des Verwaltungsgerichts in Mannheim kassiert und die Richter angewiesen hat, über die formaljuristischen Aspekte der Genehmigung des KWO hinaus auch die materiellen Sicherheitsbelange zu überprüfen. Nun wird der Fall voraussichtlich im Frühjahr wieder aufgerollt. In seiner Zielstrebigkeit lässt sich Sieber nicht einmal durch die nicht ganz ernst gemeinte Frage aus der Fassung bringen, ob der Prozess selbst dann noch laufen könnte, wenn der Reaktor schon abgeschaltet ist. "Theoretisch", sagt er, "ist das durchaus möglich."


Neue Zürcher Zeitung, Ressort Spektrum Deutschland (Int. Ausgabe), 6. Dezember 2002, Nr.284,

 


Siehe auch:
Ein Plädoyer, sich wieder einzumischen - Bilanz von 4 Jahren rot-grüner Atompolitik (September 2002)
Das atomare Weihnachtsmärchen - 14. Dezember 2001: Der Bundestag beschliesst den "Atomausstieg" ...

 

 

     

 
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