Aktionsbündnis CASTOR-Widerstand Neckarwestheim 

Ein Land, das solche Ingenieure hat...


Ein Land, das solche Ingenieure hat,
braucht keine Selbstmord-Attentäter mehr...

Es geht eine Angst um In Deutschland die Angst islamistische Selbstmordattentäter könnten sich samt vollbetankten Linienjet in eines der 19 AKW der brd stürzen. Nach den Anschlägen vom 1 1.September 2001 fordert die Sprecherin der grünen Landtagsfraktion Hessens Ursula Hamman eine Neubewertung des Risikos durch den Betrieb von Atomanlagen(1). Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative Lüchow Dannenberg erkennt in den Atomkraftwerken "ein geradezu ideales Ziel für Terrorgruppen"(2). Von der SPD Baden Württemberg(3), über die Ulmer Ärzteinitiative(4) bis zum BUND Kreisverband Bergstraße(5) Ist man sich einig: Die AKW"s müssen vom Netz und zwar schnell. Die Message ist angekommen, aus dem Umweltministerium verlautet: " Terroranschläge auf Atomkraftwerke werden nicht mehr als völlig unwahrscheinlich angesehen"(6). Lediglich über die zu ergreifenden Maßnahmen wird noch gestritten, sind Flakbatterien vor den Toren der Kraftwerke notwendig(7), oder reicht die ständige Überwachung der Angestellten durch den Verfassungsschutz, wie es Innenminister Schilly in seinem Sicherheitspaket 2 vorschlägt?

An dieser Stelle lohnt es sich inne zu Halten und einen Moment darüber nachzudenken, ob sich seit dem 11.9 die Lage wirklich verändert hat oder ob sich bei dem oben geschilderte wie Achim von Gleich(8) meint um eine "morbide Phantasie" handelt. Allen Äußerungen der Attentäter, bzw. ihres mutmaßlichen spirituellen Führers Osama Bin Laden ist zu entnehmen, dass sie ? grob gesagt ? einer klerikalfaschistischen Strömung des Islam anhängen, dessen aktuelle Anschlagserie "den großen Satan", die USA und später "den kleinen Satan", Israel treffen sollen. Ihr Ziel ist es, die Symbole einer vermeintlichen Weltverschwörung des jüdischen Finanzkapitals und des von ihm gesteuerten US?Imperialismus zu treffen. Eine Konstruktion, die bereits vor 50 Jahren Menschen in den Wahn eliminatorischen Antisemitismus hat taumeln lassen. An dieser Stelle muss angemerkt werden, dass diese Ausführungen keine Relativierung der Shoa darstellen soll, wie es in manchen Kreisen momentan zur inflationären Mode geworden ist. In der Suche nach immer neuen Wiedergängern Hitlers (Saddam Hussein, Milosevic, und nun Bin Laden) in deren "Zerstörung" man sich von der eigenen Geschichte befreien kann.

Sollten diese Annahmen über die Motive der Attentäter richtig sein, so muss die Gefahr von Anschlägen auf Atomkraftwerken anders gelesen werden. Während in der USA, Israel, eventuell auch Großbritannien und Frankreich die Gefahr von Anschlägen islamistischer Selbstmordattentäter in der Tat gestiegen sein mag, sind Kraftwerke in Deutschland in etwa so gefährdet, wie jene in Weißrussland. So loyal sich Gerhard Schröder gegenüber den USA verhalten mag, im Weltbild der Täter stellt Deutschland ein `Ruhe und Rastraum" (Günter Beckstein) dar, und kein Ziel. Und so nimmt es nicht wunder, dass im vergangenen Jahr der prominenteste islamistische Anschlag hierzulande eine Synagoge traf. Viel zu "gut" ist also der Ruf Deutschlands in der arabischen Welt, den es erst in jüngster Zeit durch den Verkauf von Giftgasfabriken am den Irak und Libyen, oder den Aufbau der UCK bestätigte, genießt, als das Grafenrheinfeld oder Obrigheim in die Koordinaten der Islamisten geraten könnte.

Wesentlich realistischer erscheint es da, dass ein "adretter, gut rasierter und loyaler" Ingenieur eines deutschen AKW einen Gau herbeiführt, oder kurz: "wer solche Ingenieure hat braucht keine Selbstmordattentäter mehr".

Als wollten sie diese These stärken, liefern die Ingenieure des AKW Philippsburg just am Tage der Vergeltungsschläge gegen die Taliban ein Meisterstück kraftwerkstechnischer Minderleistungen, und dies in einer Weise, dass selbst die rot?grüne Bundesregierung den Kraftwerksblock stilllegen musste. Mehrere Wochen wurde Kraftwerksleistung "Normalbetrieb" fortgeführt, obwohl es im Falle des Falles keine Möglichkeit bestanden hätte die Anlage herunter zu fahren..

Fast erinnert dieses Vorgehen an die Ignoranz mit der die Belegschaft der Kraftwerkes Biblis B im Dezember 1989 zwei Schichten lang eine rote Warnlampe geflissentliche übersah, bis der Reaktor nur durch ein absolut illegales und halsbrecherisches Manöver vor einer "Leistungsexkursion", sprich einem Gau bewahrt werden konnte. Für jedes AKW in der brd ließe sich eine Liste von mehreren hundert Störfällen aufstellen. Angesichts dieser Störfälle erscheint es wahrscheinlicher, dass es In den 19 Jahren bis zur Stillegung des letzten AKW in der brd (wenn den rot?grün so lange regiert) durch menschliches oder technisches Versagen zu einem schweren Störfall in der brd kommt, als durch islamistische Selbstmordattentäter: Majak, Harrisburg, Tschernobyl und Tokaimura haben uns dies eindrücklich vor Augen geführt

Gefahr erkannt, Problem gebannt?

Die Tatsache, dass es erst eine Gefahr von außen braucht, um in der brd eine ernsthafte Debatte über die sofortige Stillegung aller Atomanlagen zu führen, wirft ein bezeichnendes Licht auf die gesellschaftliche Verfassung dieses Landes. Tatsache ist dass Tag für Tag große Flächen im Trikont im Zuge des Uranabbaus verseucht werden (mehr als 80% der Radioaktivität bleibt im oberirdisch gelagerten Abraum), Tag für Tag werden in den WAAs La Hague und Sellafield radioaktive Abwässer in die Irische See entlassen, die es mittlerweile ermöglichen Meeresströmungen sehr präzise mit dem Geigerzähler zu bestimmen ? und, dass Tauben, die auf dem Gelände der WAAs nisten fliegenden Atommüll darstellen(9). Der "Normalbetrieb" ist Störfall, dies alles ist seit Jahr und Tag bekannt. Es gibt also viele Gründe die sofortige Stillegung aller Atomanlagen zu fordern, die Bedrohung durch Islamistische Selbstmordattentäter gehört zu den schlechtesten.

Hinter dem momentanen Horrorszenario müssen daher andere Motive stecken, als eine ernsthafte Analyse der atomtechnischen Sicherheitslage. Das aktuelle Anti?Orientale Ressentiment fügt sich umstandslos in alte Debatten der Marke "das Boot ist voll", die in den Floskeln des kontrollierten Zuzugs Wiederhall finden. Mit dem Feinbild des "Islamischen Schläfers" findet der Stoibersche Spruch von den Ausländern die uns ausnutzen, statt uns zu nutzen, ihre aktuelle Projektionsfläche. Auch wenn dies nichts Neues ist, so verwundert doch die Aufregung über Schläfer und fanatischen Selbstmordattentäter, die dem deutschen Wesen ach so fern lägen.

Als hätte nicht die Stasi das Prinzip des Schläfers in Form der unerkannten Bespitzelung des sozialen Umfeldes einer Person zur Perfektion getrieben. So weit, das in vielen Partnerschaften aus Schläfern "Beischläfer" wurden, die ihreN Partnerinnen ohne mit der Wimper zu Zucken dem Apparat an's Messer lieferten. Auch die Todessehnsucht der Selbstmordattentäter ist in Deutschland ein altes Motiv. Noch heute prangt an einem als "Kriegsklotz" bezeichneten faschistischen Mahnmal in unmittelbarer Nähe des Bahnhofes Hamburg Dammtor in großen Lettern: "Deutschland muss leben, auch wenn wir sterben müssen". Historisch war "der größte Selbstmordterrorist... die Deutsche Volksgemeinschaft. An ihm orientiert sich bewusst oder unbewusst alles, was heute gegen die USA oder Israel kämpft, um gleichzeitig mit und gegen den Kapitalismus zu kämpfen." (Gerhard Scheit)(1 0) Und noch heute verkaufen sich CDs der faschistoiden Gruppe Rammstein millionenfach, und die Fans von nebenan grölen auf Konzerten Passagen wie: "Lauft! Weil der Meister uns gesandt verkünden wir den Untergang .... verkünden wir den jüngsten Tag, es wird kein erbarmen geben, lauft, lauft um Euer leben... diese Tage Eure letzten sind, wie Stäbchen wird es euch zerbrechen, es kommt zu Euch als das Verderben."(1 1)

Ob nun gegen Experten mit oder ohne Bärten; islamischer Gefahr oder antisemitischer Projektion; die Anti?AKW Bewegung täte gut daran Ihre Argumentationen vor dem Hintergrund rassistischer Mobilisierung und dem Wahn innerer Sicherheit daraufhin abzuklopfen, wem diese in Hände spielt und sich daran zu erinnern:

Der Hauptfeind steht stets im eigenen Land!

Gruppe Anna-Liese Oktober 2001

1 Darmstädter Echo 17.9.2001
2 Frankfurter Rundschau 15.10.2001
3 AP 20.9.2001
4 Presseinformation der Ulmer Ärzteinitiative 16.9.2001
5 Darmstädter Echo 17.9.2001
6 dpa 9.10.2001
7 AP 5.10.2001
8 Frankfurter Rundschau 15.10.2001
9 nach Greenpeace 1999
10 Jungle World 412.10.2001
11 CD "Herzeleid" Rammstein 1995

     

 
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