[dieser
Text entstand für unser anti-atom-info kurz vor der Erteilung der
Transportgenehmigung ]
Aktueller Stand
der Dinge
Der
im Mai 1998 von der damaligen Umweltministerin Angela Merkel verhängte
Transportstopp bezog sich zunächst nur auf Atommülltransporte
in die Wiederaufarbeitungsanlagen (WAA) Sellafield (GB) und La Hague (F),
weil bei den dafür benutzten Behältern erhebliche Kontaminationen
aufgedeckt worden waren. Die Bundesregierung gab daraufhin jedoch für
alle drei Arten von Atommülltransporten Gutachten in Auftrag, in denen
Lösungen aufgezeigt werden sollten, wie die Kontaminationen in Zukunft
vermieden werden können. Diese Gutachten, erstellt vom Öko-Institut
und der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS), sind inzwischen
alle fertig. Seit letzten Herbst liegen die Ergebnisse vor, sowohl für
die ‘innerdeutschen‘ Transporte von den Atomkraftwerken (z.B. Neckarwestheim)
in die Zwischenlager Ahaus bzw. Gorleben wie auch für den Rücktransport
von Kokillenbehältern aus La Hague. Im französischen La Hague
stehen schon seit fast zwei Jahren sechs Glaskokillen-Behälter, die
mit radioaktiv verseuchten Abfällen aus dem Wiederaufarbeitungsprozeß
beladen sind. Sie warten auf die Rückführung nach Gorleben. Ende
November wurde dann das Gutachten für die dritte Art von Transporten
fertig gestellt, nämlich von den deutschen Atomkraftwerken in die
WAA. Das letztgenannte Gutachten enthält ca. einhundert Auflagen,
die die AKW-Betreiber abarbeiten müssen, um Kontaminationen an den
Behältern zu vermeiden. Das soll bis Februar geschehen sein. Erst
dann können diese Transporte wieder vom Bundesamt für Strahlenschutz
(BfS) genehmigt werden.
Seit
1 ¾ Jahren gibt es nun keine Atommülltransporte mehr mit der
Konsequenz, daß die Abklingbecken der AKW zum Überlaufen sind.
Dies trifft besonders auf die süddeutschen AKW Neckarwestheim, Philippsburg
und Biblis zu und auch auf das AKW Stade bei Hamburg. Die Betreiber der
drei süddeutschen AKW haben schon im Laufe des letzten Jahres Anträge
auf Genehmigung von Brennelement-Transporten gestellt: jeweils für
zwei Fuhren mit je drei Castoren nach Ahaus. Außerdem haben die Betreiber
noch Genehmigungen für Atommüllfuhren in die Wiederauf-arbeitung
beantragt: Neckarwestheim für zehn Transporte in die WAA Sellafield,
Philippsburg für Transporte nach La Hague und Biblis für Transporte
entweder nach Sellafield oder nach La Hague. Auf dem Gelände des GKN
stehen schon seit über einem Jahr drei Castoren des Typs V/19 für
den Ahaus-Transport; d.h. für einen “Six-Pack” aus Neckarwestheim
fehlen noch drei Behälter. Möglich ist jedoch auch, daß
es einen Doppeltransport gibt von zwei AKW nach Ahaus mit je drei Castoren.
Die Behälter sind noch nicht mit den abgebrannten Brennelementen beladen
worden, denn die Genehmigung dafür hat das BfS noch nicht erteilt.Soweit
die Fakten. Und damit beginnen die Spekulationen, welcher Atommülltransport
von wo nach wo zuerst rollen wird. Die Spekulationen nähren sich aus
den Wünschen der Atomwirtschaft, den Äußerungen der Politiker
und der Angst vor dem Verlust der Macht, die beide Seiten haben.
Bei
den innerdeutschen Transporten sind die Vorbereitungen auf technischer
Ebene schon sehr weit: das nötige Gutachten war schon im Sommer fertig
und die getroffenen Maßnahmen zur Vermeidung von Kontaminationen
sind von den Gutachtern anerkannt. Zudem ist der (nur für diese Transporte
geeignete) Behälter Castor V/19 vom BfS wieder zugelassen worden.
Seit Jahresbeginn gibt es Äußerungen, daß mit den Transportgenehmigungen
“in Kürze” zu rechnen sei.(26. Januar)

Doch
sowohl bei der Atomwirtschaft als auch bei den Politikern ist die Botschaft
der Anti-AKW-Bewegung angekommen, nämlich daß es bei einem Transport
ins Zwischenlager nach Ahaus massiven Widerstand geben wird. Und solange
es auch noch die Option gibt, den Atommüll in die WAA zu fahren, sind
selbst die Betreiber bereit, den Ärger zu vermeiden. Ein großes
Problem hätte auch die rot-grüne Landesregierung mit dem Transport
ins nordrhein-westfälische Ahaus. Denn dort sind im Mai 2000 Landtagswahlen.
Und es macht sich vor den Wahlen schlecht, wenn der SPD-Innenminister zusammen
mit dem Polizeipräsidenten von Münster (Parteimitglied der Grünen-Partei)
den Castor durchprügelt. Ein Castor-Transport nach Ahaus wäre
für die Grünen der atompolitische Super-GAU.
Ein
Ausweg aus dieser Misere scheint ein Abtransport des Atommülls ins
Ausland in die Wiederaufarbeitung zu sein. Zum einen – so die Einschätzung
von Betreibern und Landesregierung – gibt es kaum Widerstand gegen die
WAA-Transporte und zum anderen ist die Strecke von den süddeutschen
AKW bis zur französischen Grenze relativ kurz, so daß nur ein
geringes Polizeiaufgebot für die Sicherung notwendig sei. Die CDU-geführten
Landesregierungen in Baden-Württemberg (Neckarwestheim u. Philippsburg)
und Hessen (Biblis) wollen die Transporte so rasch wie möglich, vielleicht
auch um Bundesumweltminister Jürgen Trittin zu ärgern. Zumindest
für die Behälter, die nach Sellafield fahren, ist eine Zulassung
im Februar wahrscheinlich. Die Abarbeitung der im Gutachten genannten Auflagen
wird hierbei schneller erfolgen, weil die englischen Behälter einfacher
von Kontaminationen zu reinigen seien als die französischen.
Was
aber gegen die WAA-Transporte spricht, ist die Haltung der französischen
Regierung. Diese macht nämlich massiven Druck, daß die Glaskokillen
endlich von Deutschland zurückgenommen werden. Solange dies nicht
geschehen ist, weigern sich die Franzosen, weiteren atomaren Müll
aus deutschen AKW anzunehmen. Und sie sind auch nicht bereit, für
die Durchfahrt der Atommüllbehälter nach England eine Genehmigung
zu erteilen.
Also
doch zuerst der Glaskokillen-Rücktransport von La Hague nach Gorleben?
Das Problem der maroden Bahnbrücke kurz vor Dannenberg ist kein wirkliches
Problem mehr, seitdem eine Ausweichstrecke gefunden wurde über Arendsee,
südlich von Gorleben gelegen. Wohl aber ist der Widerstand im symbolträchtigen
Wendland ein ernst zu nehmender Faktor. Deshalb wehrt sich das Land Niedersachsen
gegen den Transport nach Gorleben ausgerechnet im EXPO-Jahr. Für die
Weltausstellung müssen jede Menge Polizisten bereitgestellt werden,
so daß ein Castor-Transport die Kapazitäten der Polizei bei
weitem übersteigen würde. Die letzten Überstunden aus dem
Transport nach Gorleben 1997 wurden von den eingesetzten Polizisten erst
vor kurzem abgefeiert.

Auf
Grund der massenweisen Proteste gegen Castor-Transporte rückt die
Diskussion um die Sicherung der Transporte in den Mittelpunkt. So haben
die Innenminister von Bund und Ländern und der Bundesgrenzschutz eine
“Koordi-nierungsgruppe zur Sicherung von Kernbrennstofftransporten” eingerichtet,
weil laut §4 Atomgesetz die Beförderung von Kernbrennstoffen
nur dann genehmigt werden darf, wenn “der erforderliche Schutz gegen Störmaßnahmen
oder sonstige Einwirkungen Dritter gewährleistet ist”.
Fazit:
Welcher Transport der erste sein wird seit der Verhängung des Transportestopps,
ist zum jetzigen Zeitpunkt völlig unklar. Sicher ist jedoch, daß
die Anti-AKW-Bewegung mobilisiert. Egal von wo nach wo der erste Castor
rollt, wir werden da sein!
Castor verhindern
– Stilllegung erzwingen!