[Ich bin ein 16jähriger Schüler und habe am
19.März 1998 friedlich
gegen Atomkraft und Castortransporte demonstriert. Zusammen mit
etwa 15 Mitschülern
wurde ich, aus welchen Gründen auch immer, in Gewahrsam genommen.
Erst um 23 Uhr wurden meine Eltern verständigt...
Heute habe ich ein Schreiben bekommen, in dem steht, daß ich
536.- DM Bußgeld zahlen muß! ]
Bericht über die Demonstration am 19. März
1998 gegen den Castor-Transport aus dem Kernkraftwerk Neckarwestheim ins
westfälische Atommüllager Ahaus.
Völlig unerwartet klingelt am Mittwoch, den 18. März 1998,
zu später Stunde das Telefon. Die Nachricht, daß der
Castor-Transport um 24 Stunden vorgezogen wird, erreicht mich. Die
Gruppe, mit der ich zur Demonstration nach
Neckarwestheim fahren wollte, trifft sich also schon heute um halb
zwölf, in genau einer Stunde. Leider muß ich mich damit
abfinden, erst morgen, mit der ersten S-Bahn, Richtung Kernkraftwerk
zu reisen, da mir meine Eltern einen Strich durch die
Rechnung machen. Schließlich sollte man ausgeschlafen, mit voller
Kraft demonstrieren können. Ich suche nun alle wichtigen Dinge wie
Regencape, Wollpulli, Ersatzkleidung und Personalausweis zusammen und stelle
den Wecker auf 4:40 Uhr. Bevor ich mich schlafen lege, rufe ich noch kurz
einen Klassenkameraden über sein Handy an, der sich bereits am Platz
der Blockade befindet. Später stellt sich heraus, daß das mobile
Telefon eines der wichtigsten Gebrauchsgegenstände für solche
Veranstaltungen ist. Noch ist alles ruhig in der Umgebung des Kernkraftwerks,
die ankommenden Atomkraftgegner werden von der Polizei nur an markanten
Stellen wie der Neckarbrücke bei Kirchheim/Neckar kontrolliert. Es
ist die Ruhe vor dem Sturm.
Pünktlich um 4:40 Uhr holt mich mein Radiowecker aus dem Schlaf.
Sofort bin ich wach und greife zum Telefon. Wieder
informiert mich mein handybesitzender Mitschüler über die
aktuelle Lage. Es muß wohl kalt gewesen sein für alle, die die
Nacht ohne Schlafsack verbracht haben. Die Stimmung sei aber noch entspannt,
auch wenn die Zahl der Polizisten ständig steigt.
Beruhigt, noch nichts verpaßt zu haben, packe ich meinen Rucksack
mit dem Nötigsten und begebe mich zur S-Bahnstation. Es ist kurz nach
Fünf, trotzdem sind mehr Menschen auf dem Bahnsteig, als ich vermutet
hätte. Wer von ihnen wohl vom bevorstehenden Castortransport weiß?
Am Hauptbahnhof steige ich in den Zug Richtung Heilbronn. Ganz in weißes
Segelzeug gekleidet mache ich wohl einen seltsamen Eindruck auf die Zugführerin,
die der einzige Mensch bleibt, der mir während der Fahrt begegnet.Am
Kirchheimer Bahnhof treffe ich die ersten Gleichgesinnten, die jedoch erstmal
den Weg zum nächsten Bäcker einschlagen. Im Morgengrauen laufe
ich die etwa drei Kilometer lange Strecke, vorbei an Polizeiwagen und Bundesgrenzschutzbeamten.
Niemand kontrolliert mich, keiner fragt mich, nichts. Auf dem Weg kommt
mir eine Kolonne von 26 Polizeiwagen entgegen, auf denen, zu meiner Verwunderung,
das Kennzeichen von Freiburg prangt. Was für ein Überaufgebot
erwartet mich wohl am Tor 2? Wer von Kirchheim kommend zum Kraftwerk will,
muß zuerst über die extra für die Atommülltransporte
erbaute Neckarbrücke und dann am einem Weinberg hinaufgehen. Sobald
man den Hügel überwunden hat, liegt einem ein Tal zu Füßen,
in dem die Sonne nur sehr selten scheinen kann, da der Wasserdampf des
Kühlturms alles in grauweißen Nebel hüllt. Ein Mann mit
Fahrrad nimmt mich den letzten Kilometer auf seinem Gepäckträger
mit. Es geht nur bergab, vorbei am Personaleingang und der tristen
Betonmauer mit Stacheldraht, die das gesamte Areal umgibt.
Sonnenaufgang zwischen Flötenspiel und Übertragungswagen
Endlich bin ich am Ziel, am Horizont wird es heller, der Sonnenaufgang
kündigt sich langsam an.
Auf der Zufahrtsstraße sitzen und liegen etwa 80 Demonstranten,
die sich keineswegs von der anwesenden Hundertschaft
beeindrucken lassen, die in einer Reihe stehend den Zugang versperrt.
Ein Übertragungwagen des Fernsehsenders RTL steht mitten im Geschehen;
vor ihm sind Scheinwefer aufgebaut, um jede Minute aufnehmen zu können.
Aus meiner Schule sind zirka 30 Leute seit 1 Uhr hier, die Müdigkeit
steht ihnen im Gesicht geschrieben. Man hört Gitarren- und Flötenspiel,
bis jetzt ist alles friedlich. Kein einziger gewaltbereiter Autonomer ist
zu sehen, die meisten Anwesenden hoffen, daß das auch so bleibt.
Sobald die Sonne zum Vorschein kommt, wird es spürbar wärmer.
Die Polizisten, die die Grenze zwischen Gut und Böse bilden, werden
regelmäßig abgelöst. Nach einigen Stunden sind die Gesichter
der einzelnen Gesetzeshüter vertraut. Es kommt sogar zu
ausführlichen Wortwechseln zwischen Demonstranten und der Polizei.
Es gibt da Männer in Grün aus Karlsruhe, Mannheim, Freiburg und
vom Bodensee. Man hat den Eindruck, als ob das gesamte Polizeiaufgebot
Baden-Württembergs in Neckarwestheim eingetroffen ist. Die Frage nach
den dadurch anfallenden Kosten traut man sich gar nicht erst zu stellen.
Beantworten kann sie so oder so niemand, da keiner wirklich Bescheid
weiß. Jeder Polizist, mit dem man spricht, sagt, daß er halt
hier sei, weil er´s müßte. Es scheint fast so, daß
manche gar nicht wüßten, weshalb sie eigentlich hier sind. Auch
auf die Frage nach dem Zeitpunkt des Transportbeginns werden nur Vermutungen
ausgesprochen. Uns soll´s nicht stören. Der
momentan bekannte Termin ist 16 Uhr.
Bei Musik Daumen drücken für die Tunnelgräber
Gegen halb elf Uhr trifft ein mit Rapsöl-Diesel betriebener Kleinbus
ein, der einen sehr interessanten Anhänger zieht: eine
solarbetriebene Musikanlage. Die Musik läßt das während
des Wartens leicht gesunkene Stimmungsbarometer schlagartig
steigen. Um halb zwölf erreicht uns die Nachricht, daß sich
zwei Atomkraftgegner unter der B27 zwischen Kirchheim und
Walheim in einem selbstgegrabenen Tunnel festbetoniert haben. Diese
Meldung ruft Verwunderung, aber gleichzeitig auch
Begeisterung hervor. Man hört Stimmen, die von einer List der
Polizei sprechen. Um mich von der Wahrheit zu überzeugen, mache ich
mich mit drei Schulkameraden per Anhalter auf den Weg Richtung Walheim.
Tatsächlich stehen schon einige Einsatzfahrzeuge der Polizei am Straßenrand.
Der Tunnel ist etwa fünf Meter lang und hat einen Durchmesser von
ungefähr 80 Zentimetern. Ratlose Polizisten und wißbegierige
Reporter stehen vor dem Eingang des Erdlochs. Mit Hilfe einer Taschenlampe
lassen sich deutlich zwei Paar Schuhe erkennen, ein Rohr für Frischluft
ragt aus der Überraschungstat der beiden Maulwürfe.
Nachdem wir alles gesehen haben, trampen wir wieder zurück zum
Kernkraftwerk. Ein Mitglied des Aktionsbündnisses nimmt uns mit und
trägt uns auf, allen Blockierern mitzuteilen, daß die Neckarbrücke
ab 13 Uhr für Fußgänger geschlossen wird.
Diese Nachricht deutet auf die aufkommende Nervosität der Einsatzleitung
hin. Der Tunnel hat wohl das Konzept ziemlich
durcheinander gebracht. Als wir den Blockierern vor Tor 2, deren Zahl
auf etwa 200 gestiegen ist, vom Tunnel berichten, erntet die Untertunnelungsaktion
lauten Beifall.
Unterdessen befindet sich ein sogenannter Betreuer und eine Polizeipsychologin
als Vermittler zwischen Demonstranten und
Polizei vor Ort. Die beiden suchen das Gespräch, vor allem mit
Schülern. Nach einigen Sätzen hat man den Eindruck, sie
wollen einem nur ins Gewissen reden, damit einige Zuhörer den
nächsten Zug nach Hause nehmen und sich das Abenteuer im Fernsehen
anschauen statt hier weiter zu demonstrieren. Glücklicherweise machen
die beiden ihren Job so schlecht, daß selbst der ängstlichste
Blockierer merkt, was hier wirklich gespielt wird.
Plötzlich fahren etwa zehn Wannen, das sind größere
Polizeibusse, an der blockierten Einfahrt vorbei. Die bis dahin friedlich
wartende Menge fühlt sich provoziert, und manche beginnen mit „Haut
ab, haut ab!“-Rufen. Im Gelände des Kraftwerkes sammeln sich zusehends
mehr Polizisten, ein Zeichen, daß der Beginn des Transportes immer
näher rückt.
Es ist gerade mal halb drei, die Zahl der anwesenden Reportern und
Fernsehteams wächst, der Tunnel unter der Bundesstraße ist noch
lange nicht geräumt. Kein Grund zur Panik also!
Wer jetzt ein Gespräch mit dem Demonstrationsbetreuer der Polizei
beginnt und den Tunnel erwähnt, muß sich wundern: „Die Schwertransporter
fahren da trotzdem drüber!“ Wie bitte? 130 Tonnen schwere Castoren
über eine untergrabene Straße, bei der niemand genau weiß,
wieviel Untergrund weggeschaufelt wurde? „Wir halten den Zeitplan ein!“
meint er jetzt. Doch um 16 Uhr tut sich nichts, was auf den Beginn des
Transportes hinweisen könnte.
Die Ablösung der Wach-Hundertschaft ist das einzige Zeichen für
die sich zuspitzende Lage: erstmals am heutigen Tag tragen die Beamten
Schlagstöcke, noch lächeln sie freundlich wie ihre Vorgänger.
Hinsetzen bevor es ernst wird
Trotzdem hat sich was verändert. Langsam aber sicher rücken
die Sitzenden näher zusammen, drumrumstehende
Demonstranten setzen sich dazu. Im Innern des Kraftwerkgeländes
sammeln sich unzählige Hundertschaften, teilweise mit
Schlagstöcken, Schutzschilden und Helmen ausgerüstet.
Die Spannung steigt noch mehr, als ein Polizeiwagen mit Megaphon in
sicherem Abstand vor der
Sitzblockade hält. Es wird still. Da ertönt eine quäkende
Stimme: „Achtung, Achtung. Hier spricht die Polizei. Das Landratsamt Heilbronn...“
Der Rest geht im Geschrei und unter den Pfiffen der Demonstranten unter.
Das war also die erste Aufforderung, die Fahrbahn zu räumen. Keiner
verläßt seinen Platz. Die demonstrierende Menge wächst
zusammen, verschwörende Worte werden gewechselt, jemand beginnt einen
monotonen Gesang, in den alle einstimmen. Die Fernsehteams kämpfen
um die besten Plätze, während niemand die zweite Aufforderung
des Herrn im Polizeiwagen hört. Die Stimmung ist unbeschreiblich,
alles ist so unvorhersehbar spannend. Auch die dritte Aufforderung geht
im Getöse unter. Nach einer kurzen Pause hört man die Worte:
„Die Polizei wird keine weiteren Anweisungen mehr aussprechen!“ Es kann
losgehen. Hinter der in Reihe stehenden Hundertschaft haben sich Polizisten
in einer Zweierreihe aufgestellt, das kann ja nichts Gutes heißen.
Mit Plexiglasschilden bewaffnete Beamte stellen sich seitlich der Sitzblockade
entlang auf. Einkesseln, schießt es mir durch den Kopf. Doch dann
kommt alles anders.
Je zwei Polizeimeister packen einen Sitzenden und führen oder
tragen ihn weg. Da ich in der zweiten Reihe sitze, bin ich einer der Ersten,
die abgeführt werden. Langsam gehe ich zwischen meinen beiden
Abschleppern ins Ungewisse. Denn was jetzt kommt hätte niemand vermutet.
Unsere Personalien werden aufgenommen, Taschen und Rucksack durchsucht,
jeder von uns bekommt Handfesseln, besser gesagt dicke Kabelbinder um die
Handgelenke.
Eine Busfahrt hinter Gittern
Mit Händen auf dem Rücken werden wir gruppenweise zu Gefängniswagen
geführt und reingesetzt. In meinem Wagen, einem total vergitterten
VW-Bus, sitzen bereits ein Freund von mir sowie zwei Studentinnen aus Würzburg.
Ein Kripobeamter aus Heidenheim betreut uns. Er muß den Job des Aufsehers
zum Glück nur einmal im Jahr machen, erzählt er uns. Immer noch
gefesselt fahren wir los. Quer durchs Kernkraftwerk zum Personalausgang
hinaus. Vor uns wie hinter uns Busse mit Gefangenen, die vor kurzem noch
friedlich demonstrierten. Von der Neckarbrücke bis zum Abzweig nach
Walheim stehen grüne Männer und Frauen Schulter an Schulter am
Straßenrand. Man fühlt sich so wichtig und bewacht wie ein Schwerverbrecher.
Lange dauert die Fahrt, erstaunlich weit weg vom Ort des Geschehens werden
wir Demonstranten gebracht. Von unserem betreuenden Kripobeamten erfahren
wir unser Ziel: ein Sammellager in einer Turnhalle in Talheim. Auf dem
Parkplatz dieser Sporthalle stehen schon einige Polizeifahrzeuge.
Jetzt zeigt sich, was für Glück wir mit unserem Betreuer haben,
denn wir sind die einzigen Gefangenen, die ihre Rucksäcke öffnen
und vespern dürfen. Sogar das Telefonieren mit dem Handy meines Freundes
wird uns gestattet, während sich die Insassen eines anderen Busses
durch gemeinsames Hin- und Herschaukeln bemerkbar machen, damit wenigstens
die Fahrzeugtür für Frischluft geöffnet wird. Obwohl wir
der vierte Bus sind, müssen wir fast drei Stunden im ungeheizten Auto
warten. Wer in dieser Zeit auf die Toilette muß, wird von zwei Polizisten
vom Wagen abgeholt und bis in die Kabinen begleitet. Jeder rechnet damit,
die Nacht in Gefangenschaft zu verbringen, da wir warten müssen, bis
die Castoren auf dem Schienenweg Baden-Württemberg verlassen haben.
Endlich sind wir an der Reihe. Erneut werden wir durchsucht, alle Gegenstände
müssen wir abgeben, auch das Geld wird
gezählt - bei mir waren es genau 72 Pfennige - und eingesackt.
Nach den bürokratischen Formalitäten wird unsere
Sünderkartei im Computer begutachtet. Leider wird bei keinem unserer
Gruppe ein einschlägiger Gesetzesbruch gefunden.
Mein ständiger Bewacher freut sich auf den lang ersehnten Feierabend
- es ist mittlerweile 21:12 Uhr - und führt mich in die mir riesig
erscheinende Turnhalle. Ein wirklich seltsames Gefühl, ohne Fesseln
oder Bewacher zu laufen.
Die Stimmung unter den jugendlichen Castorgegnern ist recht gut, wenn
man bedenkt, daß manche schon seit knapp 40
Stunden ohne Schlaf ausharren. Es gibt trockenes Brot und Landjäger,
die selbe Nahrung für Polizisten und Gefangene.
Wahrscheinlich die einzige Gemeinsamkeit an diesem Tag.
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