DDP: Protestzug gegen atomare Zwischenlager / Widerstand vor Gericht
DDP, 13.12.05
> Protestzug gegen atomare Zwischenlager
München (ddp-bay). Rund 60 Atomkraftgegner haben am Dienstag in München
gegen den Bau von drei bayerischen Atommüll-Zwischenlagern demonstriert.
Vor Beginn des Gerichtsverfahrens gegen die Zwischenlager in
Gundremmingen, Grafenrheinfeld und Ohu bei Landshut zogen die
Demonstranten in einem Protestzug vom Hauptbahnhof zum
Verwaltungsgerichtshof in der Bayerstraße. Mit Sprechchören und
Transparenten forderten sie den Baustopp der geplanten atomaren
Zwischenlager. Mit sich führten sie auch ein Modell eines Castor-
Behälters.
Die mündlichen Verhandlungen vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof
sollten am Dienstag beginnen und zunächst bis Donnerstag dauern. Nach
Angaben des Forums «Gemeinsam gegen das Zwischenlager und für eine
verantwortbare Energiepolitik» werden dabei erstmals in Deutschland
öffentlich die Klagen von Anrainern und Atomkraft-Gegnern gegen atomare
Zwischenlager erörtert.
Die Einwände gegen die Anlagen konzentrieren sich auf Sicherheitsfragen,
wie der Sprecher des Forums, Raimund Kamm, in einem ddp-Interview sagte.
Laut Kamm bieten die Hallen der Zwischenlager «keinen Schutz gegen
Flugzeugabstürze oder terroristische Angriffe». Vor dem Protestzug sagte
Kamm: «Wir sind fest davon überzeugt, dass die Sicherheitsbestimmungen
der Zwischenlager nicht erfüllt sind.»
Bayern ist mit fünf Atomanlagen das Bundesland mit den meisten Reaktoren
in Deutschland. Betrieben werden die drei Kernkraftwerke, für die jetzt
Zwischenlager errichtet werden sollen, von den Energiekonzernen RWE und
E.ON. Ein endgültiges Ergebnis wird frühestens zum Ende des Jahres
erwartet.
(ddp)
> Widerstand vor Gericht
Widerstand vor Gericht
München (ddp-bay). Jeder bekommt zu Beginn einen gelben Aufkleber
geschenkt, auf dem in roter Schrift «Nein» steht und das Atomkraftsymbol
prangt. Der Saal im Bayerischen Verwaltungsgericht in München ist am
Dienstagvormittag bis auf den letzten Platz gefüllt. Im Publikum sitzen
Atomkraft-Gegner. In diesem Fall sind es überwiegend Hauseigentümer, die
im Umkreis von etwa zehn Kilometern zu den geplanten Zwischenlagern in
Gundremmingen, Grafenrheinfeld und Niederaichbach wohnen und gegen diese
klagen.
Vor der Verhandlung hat es eine kleine Demonstration gegeben, nun sitzen
die Kläger gespannt im Saal und lauschen den Vorträgen ihrer Anwälte und
denen der Gegenseite. Beklagte ist die Bundesrepublik Deutschland, die
die Zwischenlager genehmigt hat. Die Einwände der Anrainer gegen die
Anlagen konzentrieren sich auf Sicherheitsfragen. Sie werfen den
Genehmigungsbehörden vor, dass es Defizite im bestimmungsgemäßem Betrieb
gibt und die Lager gegen Störfälle nicht ausreichend geschützt sind.
Unter Störfällen ist hier so einiges zu verstehen, es reicht vom
undichten Deckel der Castor-Behälter über Flugzeugabstürze bis hin zu
terroristischen Angriffen.
Die Ausführungen der Anwälte sind lang, trocken und detailgenau. Doch die
Kläger hören aufmerksam zu. Ein Großteil von ihnen trägt dicke Wollpullis
und die Haare etwas länger. Zwischendurch packen ein paar Zuhörer ihre
Wurstbrote und Getränke aus. Die Atmosphäre ist fast familiär.
Die Anwälte vorne geraten unterdessen in heftige Diskussionen über die
Reparaturmöglichkeiten von Castor-Behältern. Die Kläger führen an, dass
nach Abschaltung der Atomkraftwerke eine Reparatur von defekten Primär-
und Sekundärdeckeln nicht mehr möglich sei. Dazu bräuchte das
Zwischenlager eine so genannte «heiße Zelle», also eine Anlage, in der
der Behälter sicher geöffnet und dort offen mit radioaktiven Stoffen
umgegangen werden kann. So eine «heiße Zelle» gibt es nur im
Zwischenlager Gorleben.
Als die Beklagten-Seite vorträgt, es sei doch möglich, einen defekten
Castor zur Reparatur nach Gorleben zu bringen, kommt im Saal Unmut auf.
Ein Raunen geht durch die Menge, einer ruft «Frechheit!», ein anderer «Na
bravo! Ein undichter Castor-Transport». Der Vorsitzende Richter Horst
Konrad muss die Zuhörer schließlich energisch zur Raison rufen. «Eine
Gerichtsverhandlung ist keine Zirkusveranstaltung», poltert er.
Der Sprecher des Forums «Gemeinsam gegen das Zwischenlager und für eine
verantwortbare Energiepolitik», Raimund Kamm, erhofft sich von dem
Verfahren eine «richtungsweisende Entscheidung für Bayern und ganz
Deutschland». Von besonderer Bedeutung sei der Prozess deshalb, weil es
überhaupt das erste Gerichtsverfahren in Deutschland über drei der
insgesamt zwölf deutschen Zwischenlager sei.
Bayern ist mit fünf Atomanlagen das Bundesland mit den meisten Reaktoren
in Deutschland. Insgesamt gibt es in Deutschland 17 Atomkraftwerke.
Betrieben werden die drei Kernkraftwerke, für die jetzt Zwischenlager
errichtet werden sollen, von den Energiekonzernen RWE und E.ON. Die
ersten mündlichen Verhandlungen dauern bis Donnerstag an. Ein endgültiges
Ergebnis wird frühestens zum Ende des Jahres erwartet.
(ddp)