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Spiegel Onl: Atomglühen vor Weihnachten



Spiegel online, 23.12.05

STREIT UM KERNENERGIE

> Atomglühen vor Weihnachten

Von Severin Weiland

Neuer Streit zwischen Union und SPD: Angefacht durch Äußerungen von CDU-
Landespolitikern zanken die Parteien immer lauter über verlängerte 
Laufzeiten von Atomkraftwerken. Die SPD pocht auf den Koalitionsvertrag. 
Staatssekretär Müller hofft auf Einsicht der Kanzlerin.

Berlin - Der parlamentarische Staatssekretär im Bundesumweltministerium, 
Michael Müller, zeigte sich gelassen. "Es gibt einen klaren 
Koalitionsvertrag. Der mag einigen in der Union nicht gefallen, ist aber 
Grundlage unseres Handelns", kommentierte gegenüber SPIEGEL ONLINE der 
Sozialdemokrat den jüngsten Streit, den Landespolitiker der CDU beim 
Thema Atomenergie zu entfachen suchten.

Atomkraftwerk Obrigheim: Hohe Sicherheitsanforderungen
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Zunächst hatte diese Woche der niedersächsische Ministerpräsident 
Christian Wulff den unter Rot-Grün geschlossenen Atomkompromiss in Frage 
gestellt, jetzt legte öffentlich sein Kollege aus Baden-Württemberg nach. 
"Ich glaube, dass die Strompreisentwicklung in den nächsten Monaten und 
die Entwicklung auf dem europäischen Energiemarkt mit dem Bau weiterer 
Kernkraftwerke die Sozialdemokraten zum Nachdenken bewegen wird", 
erklärte der CDU-Ministerpräsident Günther Oettinger der "Financial Times 
Deutschland". Wulff habe "völlig Recht", wenn er längere Laufzeiten für 
bestehende Atomkraftwerke fordere. "Ich sehe durchaus Spielräume für 
Neuverhandlungen", sagte Oettinger, zumal auch Gewerkschafter den 
Ausstieg inzwischen in Frage stellten.

Merkels frühere Position

Oettingers Bemerkungen sind so überraschend nicht. Zuletzt hatte er auf 
dem CDU-Landesparteitag vor rund zwei Wochen das Thema aufgebracht. 
Oettingers Äußerungen wurden auch als Signal an die Adresse der Grünen 
verstanden. In Baden-Württemberg, wo im kommenden März gewählt wird, 
könnte es erstmals zu einer schwarz-grünen Koalition kommen. Die 
kritische Haltung der Union gegenüber dem langfristig vereinbarten 
Atomausstieg war auch während des Bundestagswahlkampfes sowohl von CSU-
Chef Edmund Stoiber als auch von Angela Merkel formuliert worden. Bereits 
im Oktober 2004 hatte sie auf einem Energiekongress in Köln eine klare 
Botschaft versandt und versprochen, dass eine unionsgeführte 
Bundesregierung den Erzeugern Laufzeiten freistellen würde.

Die Union konnte sich nach der Bundestagswahl am 18. September damit 
jedoch nicht durchsetzen. Die SPD hielt an dem Kompromiss fest, der unter 
Mühen und vor allem auf Druck des damaligen Koalitionspartners, den 
Grünen, im Jahr 2000 mit der Energiewirtschaft vereinbart worden war. In 
der entsprechenden Passage des Koalitionsvertrags von SPD und Union heißt 
es nun: "Zwischen CDU, CSU und SPD bestehen hinsichtlich der Nutzung der 
Kernenergie zur Stromerzeugung unterschiedliche Auffassungen. Deshalb 
kann die am 14. Juni 2000 zwischen Bundesregierung und 
Energieversorgungsunternehmen geschlossene Vereinbarung (...) nicht 
geändert werden."

Gabriel für Atomkompromiss

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte diese Woche, als Reaktion 
auf den Vorstoß des Niedersachsen Wulff, die Haltung seiner Partei 
bekräftigt: "Auch die deutsche Sozialdemokratie wollte und will den 
Atomausstieg." Ähnlich äußerten sich auch andere SPD-Politiker.

Für Gabriels parlamentarischen Staatssekretär Müller stehen die jetzigen 
Äußerungen von Unionspolitikern möglicherweise mit dem nationalen 
Energiegipfel im Zusammenhang, den die Kanzlerin in ihrer 
Regierungserklärung für Anfang kommenden Jahres angekündigt hatte. 
"Einige in der Union wollen sich offenbar in Stellung bringen", mutmaßt 
der SPD-Politiker am Freitag gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Sicherheit der alten Anlagen würde teuer werden

Müller hält nichts von verlängerten Laufzeiten und ist daher auch gegen 
eine Aufweichung des Koalitionsvertrags. "Das können und werden wir nicht 
machen." Neben umweltpolitischen Gründen stelle sich dann auch die Frage 
der Sicherheit der Kraftwerke, so der nordrhein-westfälische SPD-
Politiker weiter: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass angesichts der 
damit zusammenhängenden enormen Kosten, die für in die 
Sicherheitsaufrüstung der alten Atomanlagen gesteckt werden müssten, die 
Energiewirtschaft mitziehen würde".

Im Kompromiss mit der Atomwirtschaft waren grundsätzlich Laufzeiten von 
32 Jahren vereinbart worden. Für diese Laufzeit wurde für jedes Kraftwerk 
eine Reststrommenge errechnet, die noch ausgeschöpft werden darf. Mit dem 
Konsens sicherte die rot-grüne Bundesregierung im Jahr 2000 auch die 
Entsorgung abgebrannter Brennelemente. Diese dürfen direkt an den 
Kraftwerken gelagert werden, so dass Transporte nicht mehr von 
Demonstranten aufgehalten werden können. Müller, der seit langem zu den 
ausgewiesenen Umweltexperten in seiner Partei gehört, bemerkt über die 
aktuelle Debatte: "Ich finde es wirklich bedauerlich, dass Teile der 
Union die Energiedebatte noch nicht richtig begriffen haben."

Zum Klimaschutz, wie von einigen behauptet, würden Atomkraftwerke nur 
geringe Beiträge leisten. Angesichts der Klimaveränderung, der 
Energieverknappung und der damit einhergehenden Preisanstiege bedarf es 
laut Müller dreier Maßnahmen: "Erneuern, Einsparen, Effizienz." Die 
Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke werde "nur Strohfeuer 
sein, die Probleme der Zukunft aber nicht lösen", so Müller. Der CDU-
Politiker Wulff hatte hingegen erklärt, die steigenden Energiepreise 
machten einen Mix der Technologien notwendig. Und sein 
christdemokratischer Kollege Oettinger fügte hinzu: "Unser Kernkraftwerk 
Neckarwestheim müsste in gut drei Jahren vom Netz und wir haben keine 
Chance, diesen Verlust durch Energieeinsparungen oder Neubauten 
auszugleichen."

Trotz der Forderungen aus einigen CDU-geführten Ländern, den 
Koalitionsvertrag an dieser Stelle zu ändern - Wulff hatte 
Nachbesserungen angemahnt -, sieht Müller keinen Anlass für die SPD, sich 
zu bewegen. "Ich glaube, dass Frau Merkel erkennen wird, dass man eine 
Strategie der Energieintelligenz in den Mittelpunkt einer Neuordnung des 
Energiesektors stellen muss", so der Sozialdemokrat zu SPIEGEL ONLINE.