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StZ: Harte Kritik an neuer Stromkennzeichnung



Stuttgarter Zeitung, 07.12.05

> Harte Kritik an neuer Stromkennzeichnung
 
Versorger müssen erstmals Atom- und Kohlestrom ausweisen - Umwelthilfe 
moniert System
 
BERLIN. Stromanbieter müssen Verbrauchern vom 15. Dezember an erstmals 
mitteilen, wie die Energie erzeugt wird und wie viele Umweltschäden dabei 
entstehen. Die Deutsche Umwelthilfe will per Musterklage eine bessere 
Regelung durchsetzen.

Von Thomas Wüpper

Auf der Stromrechnung, aber auch in Werbeprospekten muss der Versorger 
künftig offen legen, wie sich sein Energiemix zusammensetzt. 
Vorgeschrieben sind Angaben über die Anteile von Atomstrom, fossilen 
Energieträgern wie Kohle und Gas sowie von Ökostrom. Zudem muss dem 
Verbraucher mitgeteilt werden, wie viel radioaktiver Abfall und 
klimabelastendes Kohlendioxid bei der Stromproduktion erzeugt wurde.

Mit der Kennzeichnungspflicht für Strom will die Europäische Union (EU) 
mehr Transparenz schaffen. Der Kunde soll wissen, welchen Strom er kauft. 
In Deutschland wurde die EU-Richtlinie durch die im Sommer verabschiedete 
Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes umgesetzt. Die rotgrüne Regierung 
setzte zusätzlich gegen den Protest der Stromwirtschaft die konkreten 
Angaben über die Umweltbelastung durch. "Alle Kunden werden umfangreiche, 
aber übersichtlich gestaltete Informationen erhalten" , sagte Eberhard 
Meller, Verbandschef der Deutschen Elektrizitätswirtschaft (VDEW). Ein 
Leitfaden mit 60 Seiten habe als Grundlage für die Bilanzierung der knapp 
900 deutschen Stromanbieter gedient.

Zum Vergleich für den Kunden müssen die Stromanbieter künftig auch die 
Durchschnittswerte des bundesweiten Energiemixes mit angeben. Inzwischen 
stammen nach Verbandsangaben bereits zehn Prozent des deutschen Stroms 
aus erneuerbaren Energien. 30 Prozent des bundesdeutschen Stroms werden 
in Atommeilern erzeugt, die zwar das Klima kaum belasten. Es entstehen 
aber bei der Stromproduktion aus Uranstäben hochriskante strahlende 
Abfälle. Nach Angaben der Stromwirtschaft sind es zwar nur 
durchschnittlich 0,0008 Gramm Atommüll pro Kilowattstunde, aber auch 
geringe Strahlungsdosen sind für Menschen lebensgefährlich. Die 
Endlagerung dieser Abfälle ist bisher ungeklärt. Mit rund 60 Prozent wird 
der größte Anteil deutschen Stroms noch aus fossilen Brennstoffen 
erzeugt.

Die Stromanbieter können sich mit Hilfe des VDEW-Leitfadens ihren 
Ökostromanteil schönrechnen, moniert die Deutsche Umwelthilfe. Die 
Umweltschützer wollen mit Musterklagen eine bessere gesetzliche Regelung 
erreichen. Irreführend sei, dass die Anbieter an der Leipziger Strombörse 
gekaufte oder aus dem Ausland importierte Energie nicht getrennt als 
"Strom unbekannter Herkunft" ausweisen müssen. Vielmehr könne für diese 
Zukäufe ganz pauschal der europäische Energiemix angesetzt werden, der im 
Schnitt 13 Prozent Wasserkraft enthalte. Mit dieser Rechenmethode könnten 
Versorger selbst 100 Prozent zugekauften Atomstrom leicht als 
europäischen Mix mit 13 Prozent Ökostrom verkaufen, kritisiert die 
Umwelthilfe. Zudem könne selbst produzierter Atomstrom an der Strombörse 
verkauft und dieselbe Menge gleich zurückgekauft werden. Auch dadurch 
könne man den Atomstrom dann als Durchschnittsmischung mit 13 Prozent 
Ökostrom deklarieren, obwohl nur nukleare Energie erzeugt wurde.