StZ: Die Antenne an der Tonne ist der EnBW nicht geheuer
Stuttgarter Zeitung, 07.12.05
> Die Antenne an der Tonne ist der EnBW nicht geheuer
> Ein Messgerät unter einer Stromleitung führt zum Bombenalarm bei
Neckarwestheim - Besitzer im Streit mit dem Versorger
Ein Messgerät, das der EnBW-Werksschutz unter einer Hochspannungsleitung
entdeckt hat, hat neulich zu einem Bombenalarm geführt. Das ist
einerseits verständlich, denn das Gerät fand sich in der Nähe eines
Atomkraftwerks. Andererseits geben die Umstände zu denken.
Von Eva Drews
Irgendetwas konnte nicht stimmen. Seit Tagen schon erreichte Christian
Kunze sein Messgerät auf einer Wiese nahe dem Kernkraftwerk
Neckarwestheim nicht mehr. Am 27. November hatte der Münchner Unternehmer
noch die Batterie an der Station ausgetauscht - doch schon wenige Tage
danach reagierte das Gerät auf den Fernzugriff via Internet nicht mehr.
Was dahinter steckte, erfuhr Kunze am vergangenen Freitag, als bei ihm
das Telefon klingelte: Seine Anlage, bestehend aus einer Regentonne,
einem Messgerät und einer Lkw-Batterie, stand bei der Polizei in
Bietigheim. Dorthin gebracht worden war sie auf Veranlassung des
Kampfmittelräumdienstes - ansonsten zuständig für Bombenentschärfungen.
Am 30. November, um 22.45 Uhr, habe der EnBW-Werksschutz angerufen,
bestätigt ein Sprecher der Polizei Ludwigsburg, um "einen verdächtigen
Gegenstand" unter einer Hochspannungsleitung zu melden, der bei der
letzten Kontrolle noch nicht aufgefallen sei. Daraufhin seien Beamte der
Bietigheimer Polizei ausgerückt, die dann noch in der gleichen Nacht den
Kampfmittelräumdienst geholt hätten. Den Anruf des Werksschutzes
bestätigt ein Sprecher der EnBW - die "Tonne mit einer Antenne dran" sei
dem Objektschutz "nicht geheuer" gewesen, deshalb habe man die Polizei
informiert.
Kunze stolpert vor allem über die Angabe, dass der "verdächtige
Gegenstand" dem Werksschutz zuvor angeblich nicht aufgefallen war. Denn
bei seiner Visite am 27. November sei er dem Werksschutz der EnBW
persönlich begegnet. Weil der seinem Berner Sennenhunderüden Mylo nicht
zu nahe kommen wollte, sei er, Kunze, selbst zum Auto der EnBW-
Mitarbeiter gegangen, habe bestätigt, dass das von den Sicherheitsleuten
kurz zuvor notierte Autokennzeichen seines sei, habe seinen Namen zu
Protokoll gegeben und außerdem auch noch darauf hingewiesen, dass unter
der Hochspannungsleitung ein Messgerät stehe, das ihm gehöre. Auch das
bestätigt die EnBW. Der Besitzer eines Fahrzeugs der Marke BMW mit
Münchner Kennzeichen habe sich ohne Aufforderung namentlich vorgestellt
und davon gesprochen, dass er "mit Wissen der EnBW eine
Magnetfeldmessung" durchführe.
Mit seinem Gerät misst der Wirtschaftswissenschaftler, der für den
Energieriesen Eon tätig war, bevor er sich mit seiner Entras GmbH
selbstständig machte, die elektromagnetischen Wellen, die von der Leitung
ausgehen. Daraus wiederum lässt sich schließen, welche Strommenge die
EnBW gerade ins Netz einspeist. Ähnliche Geräte betreibt Kunze an 25
Großkraftwerken in ganz Deutschland. Interessant sind die Messdaten
deshalb, weil bisher nur den Erzeugern selbst bekannt ist, wie viel Strom
gerade in ihren Kraftwerken produziert wird - ein Umstand, aus dem die
Erzeuger Kapital schlagen können. Denn drosseln sie die Produktion, wird
das Stromangebot knapper, wodurch zumeist die Börsenpreise für Strom
steigen. Durch ihr Wissen über den Einsatz der Kraftwerke können sich die
Erzeuger darauf vorbereiten - und nicht nur das: decken sie sich
rechtzeitig geräuschlos über den eigenen Bedarf hinaus ein, lässt sich
der Überschuss auch noch Gewinn bringend am Markt verkaufen. 90 Prozent
der Erzeugungskapazitäten verteilen sich nach neuesten Schätzungen auf
die vier Großen der Branche, RWE, Eon, EnBW und Vattenfall Europe. Und
weil niemand weiß, ob die vier ihre Marktmacht missbrauchen, wird der Ruf
nach mehr Transparenz bei der Stromerzeugung immer lauter.
Solange die Konzerne sich so zugeknöpft geben, könnten Kunzes Messungen
für zahlende Kundschaft wenigstens etwas Transparenz schaffen. Gemeinsam
mit dem Verlag Energie & Management und der norwegischen Montel will er
die Daten deshalb über eine Gesellschaft namens Powermonitor vertreiben.
Die soll spätestens im Februar auf der Messe Energy World in Essen
vorgestellt werden - bisher läuft das System nur im Testbetrieb, in Baden-
Württemberg an den Kraftwerken Neckarwestheim und Philippsburg. Das aber
gefällt der EnBW ganz und gar nicht: Sie sieht in den Daten
wettbewerbsrelevante Informationen. Und deshalb hat sie Mitte September
unter Androhung einer Strafanzeige eine
Unterlassungsverpflichtungserklärung an Energie & Management geschickt.
Der Herausgeber der Fachzeitschrift, Helmut Sendner, hat die Erklärung
aber nicht unterschrieben. Dennoch war es in den vergangenen Wochen ruhig
geblieben.
Bis zu eben jenem Vorfall Ende November. Für Kunze ist die Geschichte
nicht nur ärgerlich, er stelle sich auch die Frage, wie genau die
Kontrollen der EnBW eigentlich seien, wenn sein Gerät in der Nähe des
Atomkraftwerks erst jetzt aufgefallen sei. Schließlich, so sagt er, habe
er den EnBW-Werksschutz nicht nur persönlich am 27. November auf dessen
Existenz hingewiesen - seine Anlage stehe an dem Platz schon seit drei
Monaten. Das, fügt er hinzu, könne man auch deutlich sehen: Das Gras
unter der umgedrehten Tonne sei eingegangen.
Am Sonntag hat Kunze sein Gerät bei der Bietigheimer Polizei wieder
abgeholt. Mit auf den Weg bekam er von den Beamten den Tipp, künftig doch
gut lesbar seine Telefonnummer an der Tonne anzubringen. Die, sagt Kunze,
klebe natürlich auf jedem seiner Geräte. Nur auf dem in Neckarwestheim
sei das Schild rätselhafterweise verschwunden.