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StZ: "Wenn schon etwas passiert, dann am besten abends"



Stuttgarter Zeitung, 21.10.05

> "Wenn schon etwas passiert, dann am besten abends"
 
Feuerwehren proben in Gemmrigheim Kooperation bei Gefahrgutunfällen -
Tagsüber fehlen Floriansjünger, und es drohen Staus
 
GEMMRIGHEIM. Noch ist nichts passiert. Doch manch einem in Gemmrigheim 
wird beim Gedanken an einen Gefahrgutunfall mulmig. Dann wäre man auf 
Hilfe aus dem nicht gerade nahen Asperg angewiesen. Jetzt ist der 
Ernstfall durchgespielt worden.

Von Ralph Gunther Zimmermann

Um 19 Uhr geht ein Alarm bei der Gemmrigheimer Feuerwehr ein. In der 
Forststraße ist ein Lastwagen verunglückt. Drei Minuten später ist das 
erste Fahrzeug zur Stelle. Die Feuerwehrleute machen am Unfallort 
Besorgnis erregende Beobachtungen: Der 7,5-Tonner ist gegen ein 
Fabrikgebäude geprallt. Der Fahrer liegt bewusstlos im Führerhaus, von 
der Ladefläche sind Fässer auf den Boden gefallen, aus denen geruchlose 
rote und grüne Flüssigkeiten ausströmen.

"Das war mit Lebensmittelfarben versetztes Wasser", plaudert 
Feuerwehrkommandant Markus Hartmann tags darauf aus dem Nähkästchen. 
Schließlich hat es sich um eine Übung gehandelt. Doch die Feuerwehrleute 
haben mit Umsicht agiert, ganz so, als hätten sie es tatsächlich mit 
einem Gefahrgutunfall mit möglicherweise schlimmen Folgen zu tun. "GAMS", 
heißt die feuerwehrinterne Devise für solche Fälle. Das G steht für 
"Gefahr erkennen", also möglichst klären, um welche Stoffe es sich 
handelt. Hinweise liefern Farbe und Geruch, vor allem aber Aufschriften 
auf den Fässern.

Rasch ist klar, dass es sich um hochentzündliche und giftige Stoffe 
handelt. Inzwischen ist die Unfallstelle abgesichert (A), eine Meldung 
(M) an die Feuerwehrzentrale abgesetzt, wonach es sich um einen Unfall 
der gefährlichsten Kategorie drei handelt. Während die Zentrale den 
Gefahrgutzug der Asperger Feuerwehr, ein Spezialfahrzeug zur Luftmessung 
aus Ludwigsburg und die Besigheimer Wehr alarmiert, bringen zwei 
Feuerwehrleute unter Atemschutz den Bewusstlosen in Sicherheit (S).

Alles läuft wie am Schnürchen. Nach zehn Minuten ist die Besigheimer Wehr 
zur Stelle. Und bereits nach einer Viertelstunde trifft der Gefahrgutzug 
aus Asperg ein, rund 20 Leute mit speziellen Kenntnissen und Geräten. Sie 
bringen das austretende "Gift" unter Kontrolle, dekontaminieren das 
Unfallopfer wie auch die Feuerwehrleute, die das "Teufelszeug" berührt 
haben.

Alles ist nur eine Übung - aber eine mit sehr ernstem Hintergrund, und 
das nicht nur wegen des geplanten atomaren Zwischenlagers in Gemmrigheim. 
Ein Notfallkonzept dafür wird erst erarbeitet, eine Schlüsselrolle wird 
dabei die Werksfeuerwehr im Kernkraftwerk Neckarwestheim spielen. 
Unabhängig davon steigt die Zahl der Transporte, ebenso die Menge der 
beförderten Gefahrgüter. Und damit, so der Kreisbrandmeister Arnd 
Marquardt, wächst auch das Unfallrisiko. Bisher freilich hat man im Kreis 
Ludwigsburg Glück gehabt: 2004 wurden lediglich zehn Gefahrgutunfälle der 
höchsten Kategorie gemeldet, Katastrophen sind ausgeblieben. Nicht selten 
haben sich Befürchtungen nicht bestätigt - wie auch gestern, als auf 
einem Ditzinger Firmengelände Schadstoffe freigesetzt wurden, ohne dass 
Verletzte zu beklagen waren.

Das freilich schließt die Möglichkeit einer Katastrophe nicht aus. Dessen 
ist man sich auch in Gemmrigheim bewusst, zumal dort immer mehr von der 
Autobahn abfahrende Lastwagen verbotenerweise die Ortsdurchfahrt 
passieren. Eines ist auch dem Feuerwehrchef Markus Hartmann klar: Bei 
einem Ernstfall könnten sich die Asperger Feuerwehrleute nicht, wie jetzt 
beim Test, schon vor dem Alarm in Richtung Unfallort bewegen. Und bei 
einem Unfall während der Hauptverkehrszeiten oder bei Stau auf der B 27 
würde es weit länger als die veranschlagten 20 Minuten dauern, bis der 
Gefahrgutzug eintrifft. All das mache ihm schon Sorgen, räumt der 
Kommandant ein. Aber eine realistische Alternative zu den kreisweit nur 
drei Gefahrgutzügen (in Ludwigsburg, Vaihingen und Asperg) sieht auch er 
nicht.

Es komme darauf an, die Feuerwehren im Kreis eng zu vernetzen, betont 
Arnd Marquardt. Eine nachbarschaftliche Kooperation sei umso wichtiger, 
als viele Feuerwehren heute tagsüber nur bedingt einsatzbereit seien. 
Denn viele der Aktiven hätten ihren Arbeitsplatz fern dem Wohnort. Mehr 
Frauen, mehr Jugendarbeit und mehr Floriansjünger, die am Wohnort 
arbeiten, sollen das Problem entschärfen. Bis dahin hofft Markus 
Hartmann: "Wenn schon etwas passiert, dann am besten abends."