ND: Suche nach dem Atom-Schlupfloch
Neues Deutschland, 25.10.05
> Suche nach dem Atom-Schlupfloch
> AKW-Abschaltung soll verschoben werden
Von Reimar Paul
Es wird derzeit kräftig darüber spekuliert, welchen atompolitischen Kurs
die künftige große Koalition wohl einschlagen wird.
Die CDU hatte sich im Wahlkampf für eine Verlängerung der AKW-Laufzeiten
stark gemacht. Die Sozialdemokraten wollten dagegen nicht am Atomkonsens
des Jahres 2000 rütteln lassen, der Reststromkontingente für die AKW
festlegt und die Betriebszeit auf durchschnittlich 32 Jahre befristete.
Laut einem Bericht der »Financial Times Deutschland« haben sich
Unterhändler aus beiden Lagern nun auf einen Kompromiss geeinigt. Demnach
bliebe der Atomkonsens zwar in Kraft, in der jetzt anlaufenden
Legislaturperiode würde aber kein Kraftwerk mehr stillgelegt. Eigentlich
müsste das AKW Biblis A spätestens Mitte 2008 abgeschaltet werden. Die
Reaktoren Neckarwestheim, Biblis B sowie Brunsbüttel wären 2009 an der
Reihe, jedoch könnten absichtlich in die Länge gezogene Reparatur- und
Wartungsarbeiten diese drei Meiler vor einer Abschaltung vor der nächsten
Bundestagswahl bewahren.
Das notwendige Schlupfloch findet sich im Atomkonsens selbst. Laut einer
Sonderklausel dürfen die Betreiber unter bestimmten Voraussetzungen
Energiemengen von einem Kraftwerk auf ein anderes übertragen. So einfach,
wie es sich anhört, ist dies jedoch nicht. Grundsätzlich können nämlich
nur Kontingente von älteren auf neuere und von kleineren auf größere
Anlagen übertragen werden. Die Ausnahmen beschreibt Paragraf 7, Absatz 1b
des Atomgesetzes. Eine Verschiebung der Kontingente würde nur klappen,
wenn auch der Bundesumweltminister ausdrücklich zustimmt. Ob es sich
Sigmar Gabriel gleich zu Beginn seiner bundespolitischen Karriere leisten
kann, den Weiterbetrieb des Skandalreaktors Biblis A zu billigen,
erscheint zumindest zweifelhaft.
Umweltverbände setzen den designierten Minister bereits kräftig unter
Druck. Der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) und der
Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) wandten sich in einer ungewöhnlich
scharfen Erklärung gegen Überlegungen, die Laufzeiten von Biblis A zu
verlängern. In dem AKW habe es mehrfach schwerwiegende Störfälle sowie
Verstöße gegen das Atomgesetz, die Strahlenschutzverordnung und die
Sicherheitsauflagen gegeben. Zudem verfüge Biblis A als einziges AKW
nicht über eine externe Notstandswarte und sei mit einer
Reaktorkuppeldicke von nur 60 Zentimetern nicht gegen Abstürze schnell
fliegender Kampfjets gesichert.
Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW erinnerte an den Stromausfall
in Biblis infolge eines Sturms vor anderthalb Jahren: Wenn schon ein
kräftiger Windstoß ausreiche, um ein Atomkraftwerk lahm zulegen, dann
sollten Atommanager und Politiker darüber nachdenken, was sie der
Bevölkerung zumuten. Gabriel sollte sich den damaligen Störfall noch
einmal anschauen, »um dann zu entscheiden, ob das Atomkraftwerk Biblis
nicht aus Sicherheitsgründen stillgelegt werden muss«.