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rtr: Union und SPD sprechen nach Angaben aus der SPD über eine Verzögerung des Ausstiegs aus der Atomenergie um acht Jahre.



Reuters, 26.10.05

> Union und SPD sprechen nach Angaben aus der SPD über eine Verzögerung 
des Ausstiegs aus der Atomenergie um acht Jahre.

Im Raum stehe eine Verlängerung der Laufzeiten der Kraftwerke um diesen 
Zeitspanne, hieß es am Mittwoch aus Kreisen der SPD. Der baden-
württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) verlangte 
sogar eine Ausdehnung um bis zu zehn Jahre. Die Frage der Atomenergie 
soll in den Koalitionsverhandlungen erst nächste Woche geklärt werden und 
war von den übrigen Umweltfragen zunächst getrennt worden. Die 
Gewerkschaften Bergbau, Chemie, Energie (IG-BCE) und Verdi hatten sich am 
Dienstag in einem Schreiben an die Verhandlungsführer von SPD und Union 
hinter die Forderung der Energiekonzerne gestellt, die Laufzeiten zu 
verlängern. Nach einem Vorabbericht der Wochenzeitung "Die Zeit" rechnet 
der Versorger RWE bei einem Festhalten am Atomausstieg mit mindestens 
fünf Anträgen, um ein Abschalten von Kraftwerken in dieser Wahlperiode zu 
verhindern. Dies ist bei Zustimmung von Ministerien und Kanzleramt 
möglich, würde aber zu "kontroversen Diskussionen" führen, berichtet das 
Blatt unter Berufung auf ein RWE-Papier für Bundestagsabgeordnete.

Die rot-grüne Bundesregierung hatte im Jahr 2000 mit den Energiekonzernen 
den Atomausstieg besiegelt, wonach das letzte Atomkraftwerk etwa im Jahr 
2020 vom Netz ginge. Die damals festgelegten Strommengen, die jedes 
Kraftwerk noch produzieren darf, könnten für eine Laufzeitverlängerung 
aufgestockt werden, hieß es in den SPD-Kreisen. Die Unternehmen haben bei 
Zustimmung von Umwelt- und Wirtschaftsministerium sowie Kanzleramt auch 
die Möglichkeit, Laufzeiten etwa von neueren AKW auf ältere und umgekehrt 
zu übertragen. So könnte etwa das Kraftwerk Neckarwestheim in Baden-
Württemberg, das in der nächsten Wahlperiode abgeschaltet werden müsste, 
theoretisch weiterlaufen.

OETTINGER: LAUFZEITEN UM BIS ZU ZEHN JAHR VERLÄNGERN

Baden-Württembergs Ministerpräsident Oettinger plädierte in der 
"Wirtschaftswoche" für eine Aufkündigung des Atomausstiegs: "Ich werde 
mich vehement dafür einsetzen, dass die Laufzeiten von Neckarwestheim und 
Philippsburg um fünf bis zehn Jahre verlängert werden." Nur durch längere 
Laufzeiten könne Deutschland auch auf lange Sicht die Klimaschutzziele 
einhalten.

Aus der SPD wurde heftiger Protest laut. Juso-Chef Björn Böhning sagte 
Reuters: "Eine Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke darf es 
nicht geben. Das würde die Zustimmung zum Koalitionsvertrag innerhalb der 
SPD massiv gefährden." Er könne sich nicht vorstellen, dass der künftige 
Umweltminister damit einverstanden wäre. Designierter Umweltminister ist 
der SPD-Politiker Sigmar Gabriel.

Der industrielle Energiekunden-Verband VIK plädierte dagegen ähnlich wie 
der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) für längere Laufzeiten. 
Die zusätzlichen Gewinne der Versorger sollten dann aber in einen Fonds 
fließen, der zur Dämpfung der Energiekosten verwandt werden solle, sagte 
VIK-Geschäftsführer Alfred Richmann. In seinem Vorschlag für ein 100-Tage-
Programm für die Energiepolitik verlangte Richmann eine Abkehr von der 
Vorreiterrolle Deutschlands in der Klimapolitik. Diese verteure etwa über 
das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) den Strom weiter. "Wir haben 
jahrelang den Vorreiter gemacht, aber jetzt sieht man die Nachzügler 
nicht mehr."