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ND: Alles offen beim Atomausstieg



Neues Deutschland, 15.11.05

> Alles offen beim Atomausstieg
> Stromkonzerne setzen auf Schlupflöcher / Finanznot des Bundes spricht 
für Endlager in Gorleben 
 
Von Reimar Paul 
 
Union und SPD haben in der Koalitionsvereinbarung vom Wochenende ihre 
Pläne für die nächsten Jahre festgelegt. in Sachen Atompolitik sind indes 
noch alle Fragen offen.
»Zwischen CDU, CSU und SPD bestehen hinsichtlich der Nutzung der 
Kernenergie zur Stromerzeugung unterschiedliche Auffassungen. Deshalb 
kann die am 14. Juni 2000 zwischen Bundesregierung und 
Energieversorgungsunternehmen geschlossene Vereinbarung nicht geändert 
werden«, heißt es im Koalitionsvertrag. Zu deutsch: Weil sich Union und 
SPD nicht einigen konnten, bleibt es beim Atomausstieg.
Was zunächst nach einem Verhandlungsverfolg der SPD in der Atompolitik 
aussah, scheint jedoch nun schon wieder Makulatur. Baden-Württembergs 
Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) kündigte gestern an, er wolle 
in zwei bis drei Jahren einen neuen Vorstoß für längere Laufzeiten von 
Atomkraftwerken unternehmen.
Aber ohnehin bestand für die Energiekonzerne, die in den vergangenen 
Wochen massiv längere Laufzeiten ihrer steuerlich bereits abgeschriebenen 
Atommeiler geworben hatten, nicht wirklich Grund zur Sorge. Durch ein 
Schlupfloch im Atomkonsens können E.ON, RWE, Vattenfall und Energie Baden-
Württemberg (EnBW) nämlich erreichen, dass zumindest in dieser 
Legislaturperiode kein AKW mehr stillgelegt wird. Die Vereinbarung 
besagt, dass der Betrieb der noch 17 deutschen Atomreaktoren auf 
durchschnittlich 32 Jahre befristet wird. Genauer: Dass jeder Reaktor 
eine Reststrommenge produzieren darf, die rechnerisch 32 Betriebsjahren 
entspricht. Danach müssten in dieser Legislaturperiode eigentlich die 
Atomkraftwerke Biblis A und B in Hessen, Brunsbüttel in Schleswig-
Holstein sowie Neckarwestheim 1 vom Netz gehen. Durch längere Stillstände 
für Wartungsarbeiten könnten die Betreiber die Abschaltungen ein paar 
Monate nach hinten verschieben, aber zumindest für Biblis A käme laut 
Atomkonsens vor der nächsten Bundestagswahl das endgültige Aus.
Im Atomkonsens gibt es jedoch eine Zusatzvereinbarung, nach der die 
Betreiber Strommengen von einem Kraftwerk auf ein anderes übertragen 
dürfen. Eine Voraussetzung dafür ist, dass der Bundesumweltminister der 
Verschiebung zustimmt. Also müsste der designierte Ressortchef Sigmar 
Gabriel (SPD) mitspielen oder durch ein »Machtwort« von Kanzlerin Angela 
Merkel (CDU) dazu verdonnert werden.
Neben der absehbaren Trickserei um Laufzeitverlängerungen für 
Atomkraftwerke wird auch der Streit um die Endlagerung die große 
Koalition beschäftigen. Hier haben SPD und Union lediglich vereinbart, 
dass in Zusammenarbeit mit den Ländern in dieser Legislaturperiode ein 
Endlagergesetz vorgelegt werden soll.
Auch hier liegen die Ausgangspositionen weit auseinander. Die CDU setzt 
auf »Mülltrennung«: Sie möchte den Salzstock von Gorleben als Lagerstätte 
für hochradioaktive Abfälle zu Ende untersuchen und den weniger stark 
strahlenden Müll im früheren Eisenbergwerk Konrad (bei Salzgitter) 
verbuddeln lassen. Dagegen favorisiert die SPD ein einziges Endlager. 
2000 verhängte die rot-grüne Bundesregierung ein bis zu zehnjähriges 
Moratorium für die Erkundungsarbeiten in Gorleben; in dieser Zeit werden 
weitere mögliche Endlager-Standorte untersucht. Kurz vor den Neuwahlen 
legte Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) einen konkreten Gesetzentwurf 
vor. Danach sollen drei mögliche Endlager-Standorte oberirdisch, zwei 
davon auch unterirdisch erkundet werden. Nach Trittins Entwurf, den die 
SPD zur Diskussionsgrundlage macht, gilt für Standortauswahl und 
Finanzierung des Endlagers das Verursacherprinzip – wer den Müll 
produziert, soll auch für die Beseitigung zahlen. Die AKW-Betreiber haben 
allerdings schon erklärt, dass sie sich an der Suche nach weiteren 
Standorten nicht beteiligen wollen. Die Konzerne verweisen darauf, schon 
1,3 Milliarden Euro in die Erkundung des Gorlebener Salzstocks gesteckt 
zu haben.
Weil auch der Bund klamm ist, könnte die Suche nach alternativen 
Standorten also schon an der Finanzierung scheitern. Auch die andauernden 
Castortransporte nach Gorleben erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass dort 
das Endlager eingerichtet wird.