[älterer Artikel][Neuerer Artikel][Übersicht][

AP: Castor-Transport rollt durch Deutschland



AP, 20.11.05

> Castor-Transport rollt durch Deutschland

Dannenberg (AP) Der Castor-Transport aus der französischen 
Wiederaufbereitungsanlage La Hague rollt durch Deutschland ins 
Zwischenlager Gorleben. Am Sonntagabend erreichte der Zug mit den zwölf 
Atommüll-Behältern den Nordosten Baden-Württembergs, wie eine Sprecherin 
der südwestdeutschen Anti-Atom-Initiativen mitteilte. Von dort sollte er 
über Würzburg weiter nach Norden fahren. Zuvor war es den Atomkraft-
Gegnern in Bietigheim bei Stuttgart gelungen, den Transport eineinhalb 
Stunden lang aufzuhalten.

Polizisten lösten nach Angaben der Anti-Atom-Initiativen eine 
Sitzblockade mit mindestens zwölf Teilnehmern auf. Laut Polizei wollten 
sich die Atomkraft-Gegner anketten. Im südpfälzischen Wörth hatte die 
Polizei zuvor 18 Platzverweise ausgesprochen, als sich Demonstranten den 
Gleisen näherten. Tausende Atomkraftgegner hatten am Samstag in der Nähe 
von Gorleben demonstriert.

Am Sonntagmittag hatte der Zug bei Lauterbourg die französisch-deutsche 
Grenze überquert. Die nächtliche Fahrt vom Bahnhof Valognes durch 
Frankreich war ohne größere Störungen verlaufen. In Nancy warfen 
Atomkraftgegner Feuerwerkskörper auf die Gleise und sorgten damit für 
einen kurzen Stopp. Die Strecke wurde von hunderten 
Bereitschaftspolizisten abgesichert. Die Aktivisten gedachten auch einem 
23-jährigen Atomkraftgegner, der im vergangenen Jahr einen ähnlichen 
Transport blockieren wollte und dabei ums Leben kam.

Auch im niedersächsischen Lüchow-Dannenberg, wo der neunte Castor-
Transport nach Gorleben am (morgigen) Montag erwartet wird, blieb es 
vergleichsweise ruhig. Nahe der Ortschaft Klein Gusborn veranstalteten 
Bauern mit mehr als 200 Traktoren eine Protestkundgebung und blockierten 
eine Straße. Die Polizei hielt sich zunächst zurück.

Am Samstag hatten in der Kleinstadt Hitzacker tausende Menschen friedlich 
gegen die Atomkraft demonstriert. Die Polizei sprach von 3.100 
Teilnehmern, die Veranstalter von mehr als 4.000. Am Sonntagvormittag gab 
es weitere kleinere Protestaktionen.

Nach Angaben des französischen Atomunternehmens Cogema transportiert der 
Atommüllzug 175 Tonnen hochradioaktive Spaltprodukte und 586 Tonnen Uran, 
die in Glas eingeschmolzen sind. Die Polizei will in Deutschland allein 
auf den letzten 70 Kilometern zwischen Lüneburg und Gorleben 10.000 
Beamte einsetzen, um den Transport zu sichern.

Die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg stellte eine Verfassungsbeschwerde 
gegen Demonstrationsverbote bei Castor-Transporten vor. Rechtsanwältin 
Ulrike Donat sagte, die Verbote der vergangenen Jahre beruhten auf einer 
falschen Gefahrenprognose. Weit entfernte Vorfälle seien den 
Demonstranten zugeordnet worden.

Der Castor-Transport entfachte am Wochenende erneut die Diskussion über 
ein atomares Endlager für hoch strahlenden Müll. Die Grünen warnten die 
große Koalition, sich schnell auf das bisherige Zwischenlager Gorleben 
festzulegen. «Die beabsichtigte Lösung in der Frage eines 
Atommüllendlagers innerhalb dieser Legislaturperiode ist de facto eine 
unverantwortliche Vorfestlegung auf den Standort Gorleben», sagte die 
Grünen-Vorsitzende Claudia Roth der Zeitung «Die Welt». Der designierte 
Umwelt-Staatssekretär Michael Müller hatte zuvor angekündigt, die Suche 
nach einem Endlager zu beschleunigen.